COMPASS MAGAZINE #10
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OYU TOLGOI Großes Bergwerk in der Mongolei testet schlanke Produktion

Auf der Suche nach wichtigen Mineralien geht der Bergbau weltweit tiefer und weiter. Führende Unternehmen starten jedoch erst jetzt – Jahrzehnte nach der Fertigungsindustrie – mit der Umsetzung von schlanken Prinzipien zur Steigerung des Ertrags.

Das mongolische Oyu Tolgoi befindet sich im Süden der endlosen, winddurchfegten Wüste Gobi, wo Nomaden nach wie vor ihre Herden hüten. Hier steht auch ein neues Kupfer- und Goldbergwerk, das die um das Überleben kämpfende Industrie ein gutes Stück nach vorne bringen will. Das Bergwerk wurde von der englisch-australischen Bergbaufirma Rio Tinto entworfen und testet die gleichen „schlanken“ Prinzipien, die in der Fertigungsindustrie bereits vor über drei Jahrzehnten als Schutz vor dem heftigen Wind schnell wechselnder Marktbedingungen eingeführt worden sind.

Auch im Bergbau sind rasante wirtschaftliche Schwankungen nur zu gut bekannt. In den Boomjahren übertraf die Nachfrage die Kapazitäten, und Effizienz war ein Luxus, für den viele keine Zeit hatten. Nun sind die Rohstoffpreise im Keller, und neue Funde sind selten. Viele Bergbauunternehmen reagieren mit drastischen Kürzungen der Kapitalaufwendungen und ziehen sich von wichtigen Investitionsprojekten zurück. Dies ist die wachstumsfeindliche Strategie, auf die sich die Industrie immer wieder verlassen hat: Bergwerke werden geschlossen und Bergarbeiter entlassen, und die Industrie geht bis zum nächsten Boom in Deckung.

Zum ersten Mal verfolgen einige innovative Bergbaubetriebe jedoch einen anderen Weg.

„Wir befinden uns in den Frühstadien eines Paradigmenwechsels im Bergbau“, sagt Mike MacFarlane, ein kanadischer Ingenieur, Industrieberater und pensionierter geschäftsführender Präsident von AngloGold Ashanti, einem der größten Bergbauunternehmen der Welt. „In den USA hatte die Automobilindustrie in den 1940er und 1950er Jahren keine Konkurrenz und in den 1960er und 1970er Jahren immer noch keine Konkurrenz. In den 1980er Jahren haben kleine japanische Autos alles geändert. Ich würde meinen, dass sich die Bergbauindustrie in einer ähnlichen Phase befindet wie die Automobilindustrie Mitte der 1980er Jahre.“

EIN AUTOMOBILIST GEHT IN DEN BERGBAU

Sam Walsh ist ein Mann mit 20 Jahren Erfahrung in der Automobilindustrie. Er ist außerdem der CEO von Rio Tinto und einer der unverblümtesten Fürsprecher für die schlanke Produktion.

„Wenn es eine Sache gibt, die ich in der Automobilindustrie gelernt habe und die ich auf den Bergbau und die aktuellen Bergbauaktivitäten von Rio anwenden kann, dann ist dies ein intensiver, laserscharfer Fokus auf Mehrwert und Effizienz“, sagte Walsh bei einer Wirtschaftskonferenz in Japan in 2012. „Dies bedeutet grundsätzlich den Willen, bei jedem Fertigungsschritt Abweichungen und Abfall zu vermeiden.“

Bergarbeiter arbeiten jedoch nicht in geschützten, automatisierten Fabriken mit sich wiederholenden und vorhersagbaren Prozessen, und viele Führungskräfte im Bergbau argumentieren, dass die einzigartigen Anforderungen der Industrie die Anwendung von schlanken Praktiken extrem erschweren. Bergbauunternehmen lenken riesige Explorations-,Extraktions- und Weiterverarbeitungsprojekte in äußerst abgelegenen Regionen, wobei die Bedingungen so harsch seien, dass „harsch“ noch untertrieben sei, so das Argument. Auch die Marktbedingungen für Bergbauprodukte seien hart und schwankten je nach Turbulenzen in Weltmarkt und Politik, je nach Wetter und Naturkatastrophen.

Walsh und Gleichgesinnte entgegnen, dass Bergbau eine Produktionsstätte sei und daher auch wie eine solche geführt werden sollte. Beispielsweise hat Rio Tinto neue wegbereitende Technologien eingeführt: Fahrerlose, autonome Förderfahrzeuge und zentralisierte Steuerzentralen weit von den Minen entfernt sorgen für den Abtransport von Abfällen. Noch wichtiger ist jedoch das Engagement von Rio Tinto für die Sammlung und Analyse von Daten. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse helfen bei der Koordinierung der Automatisierung und der Technologien und sorgen so für Effizienz. Diese Effizienz führt wiederum zu einer Senkung der Produktionskosten, was es Rio Tinto ermöglicht, in den Ausbau der Anlagen in Oyu Tolgoi zu investieren. In Oyu Tolgoi wird Kupfer gefördert, das für die neuen sauberen Energiemärkte wichtig ist.

INNERBETRIEBLICHE EFFIZIENZ

Die schlanken Prinzipien beziehen sich auch auf die Kooperation und Koordinierung verschiedener Aufgabenbereiche innerhalb des Unternehmens.

„WAS SIE [BERGBAUUNTERNEHMEN] BRAUCHEN, SIND DATENSTRATEGIEN AUF UNTERNEHMENSEBENE.“

EMILIE DITTON INDUSTRIEBERATERIN FÜR DEN BEREICH BERGBAU, INTERNATIONAL DATA CORPORATION

„Bergbauunternehmen haben mit Blick auf Silos ausgefeilte Systeme entwickelt“, sagt Emilie Ditton, eine Industrieberaterin für den Bereich Bergbau bei International Data Corporation (IDC), Sydney, Australien. „Diese Systeme betreffen alle Aspekte, von der Optimierung der LKW-Kapazitäten bis hin zur Minimierung von Brennstoffkosten und zur Effizienz der Förderbänder. Wenn aber ein Produktionsbereich die Zielvorgaben erreicht und das Produkt an den nächsten Bereich zur weiteren Verarbeitung liefert, dieser aber die gelieferte Produktmenge nicht verarbeiten kann, dann sind die Produktionsergebnisse letztendlich nicht besser.“

Bergbauunternehmen hätten Betriebsmittel, Technologie und Zugang zu Daten, fügt Ditton hinzu. „Was sie brauchen, sind Datenstrategien auf Unternehmensebene.“ Im Bergbau bestehe nicht so sehr Bedarf nach neuen Technologien, so Ditton, sondern eher Bedarf nach Investitionen in Dateninterpretation als geschäftliche Strategie.

Allerdings erfordere das Risiko im Zusammenhang mit einer neuen Idee immer eine starke Führung, gibt sie zu. „Und es gibt noch keine Erfolgsgeschichte, die eine solche Risikobereitschaft unterstützen würde.“ Oyu Tolgoi könnte vielleicht genau eine solche Erfolgsgeschichte liefern. Dieses Jahr – während die meisten Bergbaubetriebe Betriebsmittel verkaufen und Ausgaben kürzen – wird Rio Tinto mit der Konstruktion der 5,4 Milliarden US-Dollar teuren Untertage-Expansionsphase des Bergwerks beginnen. Die volle Kapazität soll 2021 erreicht werden.

In Oyu Tolgoi wird die neueste Bergbautechnik eingesetzt. Aber vielleicht ist die Anwendung von 30 Jahre alten Ideen aus der Fertigungsindustrie – bei denen es um die Extraktion von Mehrwert aus dem Unternehmen und nicht nur aus der Erde geht – letztendlich der entscheidende Faktor.

von Dan Headrick Zurück zum Seitenbeginn