COMPASS MAGAZINE #10
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ARCHITEKTUR UND BAUWESEN PRODUKTIVER DANK VORFERTIGUNG

Von Wohnhochhäusern in New York City bis hin zu preiswerten Hotels in Europa steigt das Interesse von Eigentümern, Architekten, Bauunternehmern, Herstellern und Zulieferern an vorgefertigten modularen Systemen innerhalb der Baubranche. 

Auf der ganzen Welt setzen die Befürworter der Fertigteil­bauweise vorgefertigte Elemente für immer komplexere Projekte ein und erstellen volumetrische semi­individuelle Lösungen für eine Vielzahl konstruktiver Herausforderungen. 

„In einigen Teilen der Erde, wie in Japan und Großbritannien, mussten die Eigentümer und Projektteams wegen der Grundstückspreise und der Lohnkosten zwangsläufig zur Fertig­teilbauweise übergehen“, sagt Ryan Smith, Professor und Direktor am College of Architecture + Planning der University of Utah (USA) und Vorsitzender des Off-­Site Construction Council (OSCC) am National Institute of Building Sciences. „Ein Grundstück abzuzahlen ist in diesen Ländern äußerst kostspielig, darum bevorzugen die Eigentümer Methoden, die einen schnellen Baufortschritt versprechen.“

Das weltweit steigende Interesse an der Fertigteilbauweise gründet hauptsächlich auf zwei Faktoren: der Notwendigkeit, die Produktivität auf dem Bau zu steigern, und dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. 

NORDAMERIKANISCHE METHODEN WANDELN SICH 

Arbeitskräftemangel ist der wesentliche Grund für den Fertigteilbau in Nord­amerika. In seiner 2014 veröffentlichten Übersicht über den US-­amerikanischen Bausektor hat FMI, eine globale Unter­nehmensberatung für die Maschinenbau­ und Baubranche, prognostiziert, dass Modularisierung und Vorfertigung aufgrund des Fachkräftemangels im Handwerk eine immer größere Rolle für das Baugewerbe in den USA spielen werden. 

„Nach unserer Erfahrung wird die Vorfertigung und Modularisierung hauptsächlich dadurch vorangetrieben, dass wir wettbewerbsfähiger sein und ein Projekt zum niedrigsten Preis und mit hoher Termintreue realisieren müssen. Und die Subunternehmer für Innenausbau, Elektrik und Sanitär haben die Vorreiterrolle bei der Bereitstellung effektiver Lösungen übernommen, weil sie unter extremem Arbeitskräftemangel leiden“, sagt Don Goodrich, Leiter der Bauplanung bei Sundt, einem Bauunternehmen aus Phoenix, Arizona (USA). „Die vermehrte Nutzung von Building Information Modeling (BIM) trägt ebenfalls dazu bei, dass häufiger über Vorfertigung gesprochen wird.“ 

Ob Fertigteile verwendet werden können, hänge laut Goodrich von den Gegebenheiten des speziellen Projekts ab. „Wir übertragen so oft es geht die Fertigteil­- und modularen Techniken von einem Projekt auf die nächsten“, sagt er. In einem Fall hat Sundt den modularen Ansatz, der für einen privaten Gefängnisbau entwickelt wurde, auf ein viel größeres staatliches Gefängnisbauprojekt übertragen. 

GLOBALE CHANCEN FÜR VIELE GEWERKE 

Auch das britische Unternehmen Balfour Beatty, ein internationaler Anbieter für Infrastruktur­-Lifecycle­-Services, setzt auf Vorfertigung und modulare Methoden, um seine Wertschöpfung zu optimieren. Einige Bauabschnitte des Queen Elizabeth Hospitals in Birmingham, England, wurden beispielsweise ein Jahr vor dem Plan fertiggestellt. Ebenso hat sich die in Belgien ansässige Inter IKEA Group, die Mutterfirma der IKEA Möbelmarke, mit Marriott International, einem US-amerikanischen Hotelunter­nehmen, zusammengetan, um in Europa preisgünstige Hotels in Fertigbauweise zu errichten.

Der FMI Senior Consultant Ethan Cowles erwartet, dass der Fertigteilbau und die Modularisierung bei Bauvorhaben im Gesundheitswesen, im Gastgewerbe und im Bildungswesen stark zunehmen werden, ähnlich wie schon in der Fast-­Food­-Branche. Smith von OSCC stimmt zu. „Eigentümer von Schnellrestaurants, Kfz-Werkstätten, Kinderhorten, Daten­zentren, Krankenhäusern, Mehrfamilien­ und mittelgroßen Häusern sowie anderen Gebäuden mit sich wiederholenden baulichen Strukturen sind immer mehr an Planung und Bau aus einer Hand und einer ganzheitlichen Bauabwicklung interessiert und nicht so sehr auf öffent­liche Ausschreibungen angewiesen.“ 

KONVENTIONEN ÜBERDENKEN 

Trotz der Verheißungen, die die Vorfertigung und Modularisierung versprechen, ist dieser Ansatz nicht völlig problemlos – wie man an den Rechtsstreitigkeiten zum Bau des B2 Towers in New York sehen kann. Cowles und Smith heben hervor, dass die Fertigteilbauweise unbedingt nach einer frühzeitigen Koordinierung und Entscheidungsfindung verlangt, um ihren Wert zu maximieren. Außerdem erfordert sie, dass Eigentümer, Architekten und Bauunternehmer die konventionellen Verfahren, die seit Jahrzehnten zu den Branchenstandards zählen, überdenken.

„Die Bautechnologie und ­-methodik für die Fertigteilbauweise ist kein Buch mit sieben Siegeln“, sagt Smith. „Die technischen Herausforderungen und die Komplexität des Verfahrens sind gering. Schwierigkeiten bereitet vielmehr das taktische Wissen über soziale, politische, regulatorische und wirtschaftliche Belange in Bezug auf die Fertigteilbauweise.“

Die Integration der Vorfertigung und Modularisierung in den Bauzyklus schaffe zwar Mehrwert, allerdings sei sie laut Smith kein Patentrezept. „Ich bezweifle, dass diese Verfahren bei jedem Projekt zum Einsatz kommen; aber höchstwahrscheinlich werden sie als Teile eines Gesamtprojekts genutzt, um den Arbeitsaufwand zu minimieren, die Produktivität zu erhöhen und die Termintreue zu steigern – kurz gesagt, um Mehrwert zu schaffen.“ 

von Vicki Speed Zurück zum Seitenbeginn