COMPASS MAGAZINE #10
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ALEKSANDER DOBA Auf hoher See

Als der polnische Kajakfahrer Aleksander Doba 2013 ohne Hilfe den Atlantischen Ozean überquerte, brach er im Alter von 67 Jahren seinen eigenen Weltrekord der längsten Kajakreise in offenen Gewässern. Heute ist Doba 69 Jahre alt und wurde von den Lesern des National Geographic 2015 zum „People’s Choice Adventurer of the Year“ gewählt. Er hat Compass erzählt, was ihn zu seinen unerschrockenen Abenteuern motiviert und inspiriert.

COMPASS: Wie sind Sie zum Kajakfahren gekommen?

ALEKSANDER DOBA: Ich war in unterschiedlichen Bereichen des Tourismus aktiv, darunter auch Fahrradfahren, Wandern, Bergwandern, Segeln, Segel-fliegen und Fallschirmspringen. Mit 34 Jahren ermunterte man mich zu meinem ersten Kajaktrip. Es war eine zweiwöchige Reise auf der Drage, einem Fluss im polnischen Tiefland. An vielen Stellen ist das Wasser reißend, sodass man natürlich auch kentern kann. Genau das passierte mir beim ersten Mal. Das schreckte mich aber nicht ab – ganz im Gegenteil. Ich verliebte mich in die Kajaks. Sie wurden zu meiner Leidenschaft.

Was motiviert Sie zu diesen epischen Reisen mit dem Kajak?

AD: Ich wusste, dass es bisher nur drei Atlantiküberquerungen mit dem Kajak gegeben hat. Das hat mich motiviert. Zwei Deutsche haben den Atlantik von Ost nach West mit einem Kajak und fünf Quadratmeter großen Segeln überquert. Ein Brite hat es von Westen nach Osten versucht. Jedoch sind alle von Inseln aus gestartet und auch auf einer Insel gelandet.

Für meine erste Überquerung startete ich im Senegal und bin ohne Segel nach Brasilien gefahren. Während meiner zweiten Transatlantikexpedition zwischen dem europäischen und dem nordamerikanischen Kontinent 2013 ging während eines Sturms ein Ruder kaputt. Ich paddelte eigenständig zum nächsten Festland, in diesem Fall Bermuda, etwa 400 km weit weg. Ich reparierte das Ruder und wurde mit der Schaluppe der Spirit of Bermuda zu meiner alten Route zurückgebracht. Ich setzte meine Reise fort und erreichte mein Ziel: New Smyrna Beach, Florida.

Was war der furchterregendste Moment, den Sie auf See erlebt haben?

AD: Während meiner zweiten Kajakexpedition über den Atlantik, die 167 Tage dauerte, habe ich ein Dutzend Tropenstürme und acht andere Stürme erlebt. Meist dauerten sie 24 bis 48 Stunden. Der längste Sturm hielt mich mit bis zu neun Meter hohen Wellen drei Tage lang wach. Ich konnte noch nicht mal ein Nickerchen machen. Der Lärm der brechenden Wellen, die das Kajak trafen, machte es unmöglich. Ich versuchte einfach nur zu überleben, das Kajak in den Wind und in die Wellen zu drehen. Das gelang mir, indem ich drei Treibanker an 20 Meter langen Tauen über Bord warf. Zum Glück war das Kajak durch mehrere Kammern unsinkbar. Wenn die Wellen es zum Kentern brachten, richtete es sich selbst wieder auf.

Was war das Erstaunlichste, das Sie auf See gesehen haben?

AD: Eines Tages, nachdem ich schon zwei Wochen lang in etwas paddelte, was sich wie ein leerer Ozean anfühlte, spürte ich einen Blick in meinem Rücken. In all dieser Leere beobachtete mich jemand! Ich drehe mich um – und nur etwa 20 Meter hinter mir sah ich den riesigen Kopf eines Wals! Ich glaube, dass es ein Pottwal war, weil er so einen quadratischen Schädel hatte. Ich hörte auf zu paddeln und wir starrten einander an. Dann schwamm er links an mir vorbei. Wenig später tauchten der ganze Rücken und eine riesige Schwanzflosse auf.

Und die kleinsten Organismen im Meer können nachts sehr beeindruckend sein. Wenn man sie stört – beispielsweise durch Paddeln – leuchten sie für etwa eine Sekunde blassgrün auf. Dieses biolumineszente Phänomen war absolut faszinierend.

Wie sieht Ihre Lebensphilosophie aus?

AD: Das Leben ist unser größter Schatz. Wir sollten es genießen und nicht vergeuden, indem wir uns einem zu großen Risiko aussetzen. Ich zitiere recht oft den Polarforscher Sir Ernest Shackleton. Nur ersetze ich das erste Wort ‚See‘ durch ‚Wasser‘, um es universeller zu machen: „Wasser ist ein Element, das man niemals besiegen kann. Man kann nur ungeschlagen bleiben.“

Woher holen Sie sich Ihre Inspiration?

AD: Meine Eltern haben mich inspiriert und den Wunsch in mir geweckt, die Welt zu entdecken. Wenn es ums Kajakfahren geht, dann sind das Bedürfnis nach körperlicher Aktivität und der Wunsch, etwas über die Welt zu lernen, meine Hauptquellen der Inspiration.

Was kommt als nächstes?

AD: Im Mai 2016 möchte ich den Atlantik mit dem Kajak zwischen den Kontinenten Nordamerika und Europa überqueren. Meine dritte Transatlantikexpedition wird wie die beiden davor sein: unabhängig, allein und ohne Hilfe von außen. Die Reise über den Nordatlantik wird schwieriger sein, da das Wasser kälter ist und es wahrscheinlich häufigere und stärkere Stürme gibt. Ich nehme das gleiche Kajak, es wird aber dann noch modernisiert. ◆

von Sean Dudley Zurück zum Seitenbeginn
von Sean Dudley

Erfahren Sie mehr über Aleksander Doba
https://youtu.be/QzFCyHlpGSE