COMPASS MAGAZINE #10
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BASIL TWIST Wenn Puppen zum Leben erweckt werden

Beim Puppenspiel verschwimmen die Grenzen zwischen dem Lebendigen und dem Unlebendigen. Der innovative New Yorker Theaterkünstler und Puppenspieler in dritter Generation Basil Twist hat die ursprüngliche Kunst dieses Puppenspiels transformiert. Compass sprach mit dem kreativen Genie Twist, der 2015 mit der renommierten MacArthur-Fellowship ausgezeichnet wurde, um mehr über ihn zu erfahren.

COMPASS: Warum haben Sie das Puppenspiel zu Ihrem Beruf gemacht?

BASIL TWIST: Während meiner Kindheit in San Francisco habe ich „Die Muppets“ und „Sesamstraße“ im Fernsehen geschaut und mit den Puppen meiner Mutter gespielt, mit denen sie in Amateur-Shows aufgetreten ist. Seitdem hat mich das Puppenspiel nicht mehr losgelassen. Auch mein Großvater hat bereits Fadenmarionetten berühmter Jazzstars wie Cab Calloway bei seinen Big-Band-Shows verwendet. Er ist zwar schon vor meiner Geburt gestorben, aber diese Marionetten gehören jetzt mir. Auch ich nutze häufig die Musik als Basis meiner Arbeit. Allerdings habe ich die Definition des Puppenspiels erweitert: So kann alles, was im Rahmen des Theaters zum Leben erweckt wird, als Puppe gelten, egal ob es sich um eine Fadenmarionette oder ein Stück Stoff handelt.

Wie gehen Sie beim Entwurf neuer Puppen und Shows vor?

BT: Normalerweise höre ich mir so lange die Musik an, bis sie in meinem Kopf eine visuelle Form annimmt. Dann schaue ich, wie ich die Bühne nutzen kann, um dem Publikum das Erlebnis zu ermöglichen, das mir vorschwebt. Aufwendige Shows erfordern zusätzliche Planungen. Bei abstrakten Produktionen hingegen verzichte ich darauf und lasse die Theatralität der eingesetzten Materialien für sich sprechen. Das Herstellen der Puppen ist der letzte Schritt. Oftmals werde ich damit erst in der Nacht vor der Show fertig!

Wie nutzen Sie Musik und Choreographie, damit das Publikum mit den abstrakteren Puppen eine Verbindung aufbaut?

BT: Genauso wie Musik keine Geschichte braucht, um Emotionen zu wecken, wenn sie ihre Geschwindigkeit oder Tonhöhe ändert, basiert das Puppenspiel auf dem Prinzip, dass immer dann, wenn ein lebloses Objekt plötzlich lebendig wird, die Zuschauer dies als eine Art Wunder des Mysteriums des Lebens erleben.

Was inspiriert Sie für die Art der Bewegung Ihrer Puppen?

BT: Bewegungen spielen eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, den Puppen Leben einzuhauchen. Vor allem, wenn sie authentisch an die Materialien angepasst sind, die man verwendet. Seide zum Beispiel eignet sich perfekt für abstrakte Darbietungen, weil sie sich so schön kräuselt.

Viele Leute denken, Puppenspiel ist nur etwas für Kinder. Wovon sind die Zuschauer Ihrer Shows am meisten überrascht?

BT: Die Leute erwarten, dass es beim Puppenspiel – wie bei anderen Formen des Theaters – eine Hauptfigur mit einem Gesicht gibt, um die sich die Handlung dreht. Meine Shows jedoch leben von animierten Kulissen und Requisiten. Manchmal merkt das Publikum noch nicht einmal, dass es eine Puppe gesehen hat! Meine Dôgugaeshi- Produktion z.B., die auf einer japanischen Technik mit verschiebbaren Kulissenwänden zum Erzeugen von Illusionen basiert, ist in erster Linie eine Show der Objekte und Bilder. Sie wird jedoch von einem Puppenspieler gelenkt, der sie zum Leben erwecken möchte.

Welche Art von Puppenspiel gefällt Ihnen persönlich am besten?

BT: Ich bewundere das Puppenspiel mit Fadenmarionetten, weil es eine Menge Übung erfordert, bis man die Technik beherrscht. Auch wenn sie manchmal so wirken wie ein Stück totes Holz, das an einem Faden baumelt – sie haben oftmals mehr Leben in sich als alle anderen Puppen. Die Fäden sorgen dafür, dass ihre Gliedmaßen sich natürlicher bewegen. Dadurch wirkt es so, als seien sie lebendig.

Auf welche Puppe und Produktion sind Sie bis heute besonders stolz und warum?

BT: Meine Lieblingspuppe ist eine hölzerne Fadenmarionette mit dem Namen Stick Man. Während der letzten 20 Jahre habe ich mich intensiv mit ihr beschäftigt und gelernt, wie sie zum Leben erweckt werden möchte. Die Show, auf die ich besonders stolz bin, ist Dôgugaeshi, weil sie abstraktes Puppenspiel mit einer uralten japanischen Tradition kombiniert. Hier spielen viele kulturelle Einflüsse eine Rolle, denn ich bin Amerikaner und habe die Dôgugaeshi-Technik während meines Studiums in Frankreich entdeckt, sie in Japan gründlich erforscht und sie dann in New York, Japan und Europa auf die Bühne gebracht. Mit jeder Show gewinnt sie an Bedeutung.

War das Puppenspiel schon immer ein Publikumsmagnet?

BT: Das Puppenspiel hat Menschen schon immer in den Bann gezogen, von primitiven Kulturen, die glaubten, in jedem Wesen lebe ein Geist, bis hin zu Kindern, in deren Fantasie Spielzeugfiguren lebendig sind. Obwohl es oftmals nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die ihm gebührt, ist das Publikum häufig beeindruckt von der Macht des Puppenspiels. Wenn es z.B. gelegentlich eine zentrale Rolle im Mainstream-Theater spielt, wie in den Musicals War Horse (Gefährten) oder Der König der Löwen. In gewisser Weise ist es von Vorteil, dass das Puppenspiel unterschätzt wird, denn so kann man sein Publikum immer wieder aufs Neue überraschen.

Was bedeutet die Auszeichnung mit der MacArthur Fellowship für Sie und inwiefern wird sie Ihre Pläne für die Zukunft unterstützen?

BT: Als Puppenspieler hatte ich es nicht immer leicht, daher ist es für mich – und für die Welt des Puppenspiels – von großer Bedeutung, mit einem Preis ausgezeichnet zu werden, der auch an Wissenschaftler vergeben wird. Einen Teil des Geldes investiere ich in die Verbesserung der Struktur, die meine Arbeit unterstützt, und in die Entwicklung neuer Inspirationen.

Vor allem hoffe ich, dass die Auszeichnung mit einem solch prestigeträchtigen Preis es mir ermöglicht, mit spannenden Künstlern und Musikern zusammenzuarbeiten und mit meiner Arbeit und der Magie des Puppenspiels weiterhin Menschen auf der ganzen Welt begeistern zu können. ◆

von Rebecca Gibson Zurück zum Seitenbeginn
von Rebecca Gibson

Sehen Sie Basil Twists Fadenmarionette „Stick Man“ in Aktion
http://bit.ly/StickManInspired