COMPASS MAGAZINE #10
COMPASS MAGAZINE #10

DANIEL PATTERSON Gesundes, erschwingliches Essen für Benachteiligte

Zwei der berühmtesten US-Köche, Daniel Patterson, der Küchenchef des mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurants Coi in San Francisco, und Roy Choi, Straßenküchenkönig und Gründer der Imbisswagenkette Kogi, erfinden Fast Food neu. Das gemeinsame Projekt - LocoL - besteht derzeit aus je einem Restaurant in Watts und in Oakland sowie einem mobilen Imbisswagen. Ziel ist es, köstliches, gesundes und nahrhaftes sowie erschwingliches Essen anzubieten. Compass sprach mit Patterson, um mehr über die Philosophie und Zukunftsziele von LocoL zu erfahren.

COMPASS: Was hat Sie in die Gastronomie verschlagen?

DANIEL PATTERSON: Im Alter von 14 Jahren begann ich als Spülhilfe, um Geld zu verdienen. Ich hatte also am Anfang nicht vor, in der Gastronomie Karriere zu machen. Ich habe dann aber auch weiterhin in Küchen gearbeitet; ich liebe diese Arbeitsumgebung und ich hatte Talent. Im Alter von 20 Jahren wusste ich dann, dass ich auf lange Sicht in der Gastronomie bleiben wollte.

Ich habe nie etwas anderes getan. Und ich arbeite wirklich hart. Ich bin wirklich besessen. Nie bin ich zufrieden, ich will alles immer besser machen. Genau das ist meiner Meinung nach, was Menschen erfolgreich macht: eine gewisse Unnachgiebigkeit, eine starke Arbeitsmoral und eine Abneigung gegen Selbstgefälligkeit.

Was war der zündende Funke für die Gründung von LocoL?

DP: Vor fünf Jahren arbeitete ich mit Larkin Street Youth Services in Tenderloin [einer Gegend in der Innenstadt von San Francisco] zusammen. Die Mitarbeiter von Larkin Street kümmern sich um obdachlose Jugendliche und helfen ihnen mit Beratung, Unterkunft und beruflicher Ausbildung. Ich merkte, dass die Jugendlichen nicht kochen können.

Daher schlug ich vor, montags – wenn das Restaurant geschlossen ist – 10 bis 15 Jugendliche zu holen, damit sie die Grundlagen des Kochens kennenlernen.

Es war offensichtlich, dass die Jugendlichen noch nie wirklich Kontakt mit gutem Essen gehabt hatten und es deshalb auch nicht vermissten. Als sie zum ersten Mal gutes Essen kosteten, war der Geschmack daher wie eine Offenbarung.

Ich wollte einen Weg finden, so viele Jugendliche wie möglich zu erreichen. Die meisten ernähren sich von Fast Food, daher hatte ich die Idee, ein Fast-Food-Restaurant zu gründen, das richtiges Essen anbietet. Aber ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Dann sah ich Roy beim MAD Foodfestival 2013 in Kopenhagen. Roy hielt einen wunderbaren Vortrag über Hunger und Verantwortung, und ich dachte mir: „Das ist genau der Richtige.“

Einige Monate später rief ich ihn an, und er sagte: „Super, wann fangen wir an?“ Und das war es dann.

Beschreiben Sie die Philosophie von LocoL.

DP: Wir wollen Menschen etwas zu Essen geben und dabei gleichzeitig Liebe, Fürsorge, Güte und Mitgefühl schenken. Nur der Mensch kann Leute auf diese Weise zusammenbringen. Die Geschichte der Vereinigten Staaten ist meiner Meinung nach gekennzeichnet durch Vernachlässigung und – in einigen Fällen – aktiver Ablehnung ganzer
Bevölkerungsteile. Daher haben Menschen in bestimmten Gegenden heute keinen Zugang zum gleichen Lebensstandard. In gewisser Hinsicht kann ein bestimmter Wandel nur mit Essen beginnen. Niemand wird sauer auf dich, wenn du etwas Köstliches zubereitest! Unser Geschäftsansatz ist sehr politisch, wir sind es jedoch nicht.

Was macht Sie und Roy zu einem guten Team?

DP: Ich glaube, dass Roy und ich uns etwas, was noch nicht existiert, gut vorstellen und visualisieren können. Außerdem können wir es umsetzen.
Und wir haben geschafft, dass Menschen in den lokalen Gemeinden in LA nun anders kochen. Wir haben ein Geschäftsmodell eingeführt, das es bisher noch nicht gab. Viele Dinge, die wir gemacht haben, haben Nachahmer gefunden und werden nun in der ganzen Nachbarschaft gelebt. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich einen Partner mit dem gleichen moralischen Kompass gefunden habe.

Und wie fühlt es sich an, so viel lokal zu bewirken?

DP: Wir haben unser erstes Restaurant in Watts eröffnet. [Watts ist ein berüchtigter Bezirk von Los Angeles, der für Armut und Unruhen bekannt ist.] Ich habe noch nie einen so wunderbaren Lebensgeist gesehen wie in diesem Bezirk – er hat mein Leben verändert. Im Restaurant haben wir uns gegenseitig Sachen beigebracht, die wir noch nicht kannten: wir treffen uns beim Essen in der Mitte.
Das ist der überzeugendste Aspekt von LocoL. Hier kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen und setzen sich zum Essen an einen Tisch. Kochen ist ein großzügiger Akt des Gebens. Viele der talentierten Mitarbeiter bei LocoL stammen aus den Gruppen, mit denen wir gearbeitet haben. Die Beschäftigung und Förderung von Menschen von innen heraus gehört ganz klar zu unseren Zielen.

Erzählen Sie uns, wie Sie das Menü zusammenstellen. Was inspiriert Sie?

DP: Wir wollten Fast Food anbieten. Daher haben wir mit den Sachen angefangen, mit denen alle vertraut sind – Hamburger, Sandwiches mit frittiertem
Huhn. Das Essen sollte aber gesünder sein und weniger Auswirkungen auf die Umwelt haben. Daher besteht ein Drittel unserer „Burgs“ aus Körnern und Tofu. Und ungefähr die Hälfte des Menüs ist vegetarisch. Wir werben nicht damit, es hat sich einfach so ergeben.

In der ganzen Welt ernähren sich Menschen sehr gut und billig mit Reststücken von Fleisch und viel Gemüse und Körnern. Daher haben wir uns Traditionen angesehen, die tausende Jahre alt sind – wo es um Geschmack geht, der sich beim langen Kochen von Gewürzen, Körnern, Stärke und Gemüse langsam entfaltet. Hier in den USA haben wir in dieser Hinsicht wenig Erfahrung.

Roy und ich arbeiten beim Menü eng zusammen. Er hat ein gutes Gefühl, was Menschen mögen und was nicht. Manchmal fragt er mich, warum ich das nicht einfach ausprobiere, und schließlich entwickle ich die Idee. Dann kosten wir das Gericht und spielen herum. In diesem Sinn ist es wie ein richtiges Restaurant, wo sich die Gerichte ständig weiterentwickeln.

Sie haben bereits großen Einfluss auf diejenigen, die Sie bekochen. Was können Sie der Welt hoffentlich letztlich hinterlassen?

DP: Ich denke immer darüber nach, wie ich eine positive Änderung bewirken kann, wie ich Menschen glücklicher machen und ihr Leben ein wenig bereichern kann, und das ist genug. LocoL ist eine riesige, sich ausbreitende, wunderbare und fröhliche Herausforderung, die hoffentlich noch lange Bestand hat. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Ich hoffe aber, dass in fünf Jahren jemand in ein LocoL spaziert und keine Ahnung hat, wer Roy und ich sind – dass das LocoL also unabhängig von uns existiert. Das wäre ein Erfolg. Diese Gemeinschaften können für sich selbst sprechen, wir müssen nur anfangen, ihnen zuzuhören.

von Rebecca Lambert Zurück zum Seitenbeginn
von Rebecca Lambert

Sehen Sie sich LocoLs Restaurant in Watts an:
http://3ds.one/LocoL