COMPASS MAGAZINE #10
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JANET ECHELMAN Lebendige, atmende öffentliche Kunst

Die international gefeierte Künstlerin Janet Echelman verleiht durch monumentale, fließend bewegliche Skulpturen städtischen Lufträumen neue Formen. Echelman wurde 2012 für ihre „grundlegende Umgestaltung urbaner Räume“ von der Zeitschrift Architectural Digest zum Innovator ernannt. Compass sprach mit ihr darüber, wie ihre Arbeiten das soziale Miteinander bereichern.

COMPASS: Welche Rolle nimmt die Kunst Ihrer Meinung nach bei der Vermenschlichung städtischer Umgebungen ein?

JANET ECHELMAN: Ich erlebe Städte oft als kalte und kantige Orte – überall Beton, Stahl und Glas mit klaren Linien. Aber der menschliche Körper ist weich und kurvig. Ich muss die Stadt ver-menschlichen, damit ich mich darin wohlfühlen kann. Bauschige, handgeknüpfte Netzskulpturen helfen mir dabei, die Kluft zwischen einem Wolkenkratzer und mir selbst zu über-brücken. Wenn sich mein Werk auf solch strukturelle Art physisch mit dem Umfeld verbindet, stellt es für mich auch eine Art soziale Verflechtung her. 

Welche Empfindungen der Menschen erhoffen Sie sich, wenn diese Ihr Werk betrachten?

JE: Ich hoffe, dass jedem Einzelnen eine Geschichte dazu einfällt oder er sich der eigenen Sinneserfahrung bewusst wird.

Als ich einmal in Sydney eine Skulptur aufbaute, kam ein Obdachloser auf mich zu. Er fragte mich, was das für ein Werk sei, und sagte mir, wie er darüber denkt. Ich fühlte tiefe Dankbarkeit, weil ich mit jemandem über Kunst reden konnte, der womöglich kein Museum besuchen würde. Aber jeder kann durch die Stadt gehen. Das ist wie atmen. Ich möchte, dass meine Arbeiten ebenso zugänglich und kostenlos sind wie die Luft zum Atmen.

Beschreiben Sie bitte die Gegensätze in Ihrer Kunst.

JE: Meine Werke sind voller Gegensätz-lichkeiten. Die industriellen bzw. maschinell hergestellten Teile und die handgefertigten Stücke verstärken sich gegenseitig. Die weichen, bauschigen Formen setzen einen Kontrapunkt zu den kantigen Linien der umgebenden Architektur. Ich liebe es, dass die Skulptur so zart aussieht, aber doch so stark ist. Sie ist weich, flexibel und kann sich an wechselnde Bedingungen anpassen – ihre Stärke entsteht aus der Elastizität, nicht aus roher Kraft. Und da ist der Wunsch, ein Kunstwerk in der Stadt zu platzieren und es durch die Kräfte der Natur, wie Wind, Regen und Sonne, verändern und beleben zu lassen.

Wie nutzen Sie moderne Technologien, um Ihre Vision zu realisieren?

JE: Ich stehe Technologie neugierig und offen gegenüber. Für mich ist sie ein Ausdrucksmittel – egal ob Industrietechnik, postindustrielle digitale Technologie oder neue Tools, die gerade noch entwickelt werden und mir die Erschaffung von Werken ermöglichen, die vorher nicht realisierbar waren. Softwaremodellierung lässt mich erkennen, wie meine monu-mentalen Entwürfe auf Schwerkraft und Wind reagieren werden. Kürzlich habe ich mit dem Künstler Aaron Koblin und dem Google Creative Lab zusammengearbeitet, um den Menschen die Gelegenheit zu bieten, mithilfe ihrer Mobilgeräte mit Licht auf meine Skulptur zu malen. Ich möchte auch weiterhin erkunden, wie sich Technologie einsetzen lässt, um Menschen einzubinden.

Woran arbeiten Sie derzeit?

JE: Ich habe einige spannende Aufträge. „Impatient Optimist” für den Hauptsitz der Bill and Melinda Gates Foundation in Seattle soll die Grundidee der Stiftung, alle Menschen auf dem Weg in ein gesundes und produktives Leben zu unterstützen, visuell ausdrücken. Für mich bestand die Herausforderung darin, eine Form zu erschaffen, die diese globale Vision verdeutlicht. Nachts wird die Skulptur durch ein spezielles Lichtprogramm erleuchtet, dessen Farbspiel den Sonnenaufgang in jedem der Regionalbüros weltweit in Echtzeit darstellt. Die Farben vitalisieren diesen Platz und beleben das Herz des Campus.

Im Dilworth Park in Philadelphia arbeite ich mit atomisierten Wasserteilchen und erschaffe einen 1,5 Meter hohen Vorhang aus „trockenem Nebel“, der farbig be-leuchtet wird. Das Werk bildet oberirdisch den Verlauf dreier U-Bahnlinien ab, die unterhalb des gut 1.000 Quadratmeter großen neuen Springbrunnens verkehren, und zeichnet dadurch das städtische Kreislaufsystem nach, wie ein Röntgenbild der Stadt. Die Bewegung soll in Echtzeit erfolgen, wofür Daten über Ankunfts-und Abfahrtszeiten der Züge verwendet werden, anhand derer die Bewegung der Wasserpartikel gesteuert wird.

von Cathy Salibian Zurück zum Seitenbeginn
von Cathy Salibian

Weitere Informationen:www.echelman.com

Hören Sie hier Janet Echelman auf der TED sprechen

YouTube:https://youtu.be/9YekkGz1E2k