COMPASS MAGAZINE #10
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LI HONGBO Die Wahrnehmung wächst über ihre Grenzen hinaus

Die Werke des chinesischen Künstlers Li Hongbo entziehen sich einer einfachen Deutung. Die Skulpturen aus Papier lassen sich wie eine Springy-Spirale biegen und auseinander ziehen und werden dabei wie die Uhren in dem Gemälde von Salvador Dali „Die Beständigkeit der Erinnerung“ verzerrt und verformt.

Auf den ersten Blick sehen die Papierskulpturen von Li Hongbo wie normale Kopien klassischer Werke aus. Doch wenn sie geöffnet und lang gezogen werden, verwandeln sie sich in fantastisch fließende Formen, die später ganz unaufgeregt wieder zum Ausgangszustand zurückkehren. Es sind bewusstseinsverändernde Meisterwerke. Der Betrachter erfreut sich an überlagerten Sinneseindrücken, die an die vielschichtigen Traumwelten im Film Inception von 2010 erinnern.

Beim Dehnen und Verformen einer Skulptur verwandelt sich die ruhige Betrachtung der Zuschauer in Überraschung und Erstaunen, so Li Hongbo. Aus diesem Grund wählt er oft Themen aus dem täglichen Leben. „Je gewöhnlicher der Gegenstand, desto größer ist das sinnliche Erstaunen bei den Betrachtern, wenn die Skulpturen verformt werden und die vertrautesten Dinge sich plötzlich in sehr merkwürdige Dinge verwandeln“, fügt er hinzu.

Nachdem das Objekt wieder zur Skulptur geworden ist, bleibt die Erfahrung in den Köpfen der Betrachter erhalten, eine genüssliche Erinnerung.

Die Gefühle und das Verständnis sind jedoch bei jeder Person völlig anders – wie im chinesischen Sprichwort: „In den Augen von tausend Personen gibt es tausend Hamlets.“

VON DER KRITZELEI ZUR KUNST

Li Hongbo ist nicht in einer Künstlerfamilie groß geworden. Trotzdem hat er schon früh viele künstlerische Talente bewiesen. Als Schüler malte er Bilder in die Ränder seiner Hefte und Hausaufgabenblätter. Kinder hören mit zunehmendem Alter oft auf zu kritzeln, bei Li Hongbo hielt die Liebe für die Kunst jedoch an. Li Hongbo hat einen Universitätsabschluss in Kunsterziehung von der chinesischen Jilin Pädagogischen Universität, wo Kunstlehrer, nicht Künstler ausgebildet werden. Bis heute sei er dankbar für die Entscheidung für diesen Kurs, so Li Hongbo. Zusätzlich zu den spezialisierten Kunstfächern studierte er Soziologie, Psychologie, Erziehung und andere detaillierte Fächer. „Dieser Unterricht befreite mich von den Einschränkungen der Kunst und beflügelte meinen späteren Durchbruch beim künstlerischen Denken“, glaubt Li Hongbo.

„Es gibt zahlreiche Wege, wie sich moderne Kunst ausdrücken kann“, so Li Hongbo. „Gemälde sind zweidimensional, Skulpturen dreidimensional. Gibt es außerdem eine räumliche Sprache, die die drei Dimensionen in einer neuen Form des künstlerischen Ausdrucks durchdringt?“ Diese Frage, über die Li Hongbo zuerst in 2002 nachdachte, war die Motivation für seine Suche nach einer neuen Kunstform. Die chinesische Volkskunst der Papierlaternen und Zieharmonika-Objekte gab ihm die Inspiration. Und 2007 begann er mit seiner Arbeit an Papierskulpturen.

In den folgenden drei Jahren reiste Li Hongbo quer durch China, um private Papier- und Girlandenfabriken zu besuchen und nach geeignetem Papier und Handwerkern mit Erfahrung zu suchen. Nach zahlreichen Versuchen wurden die Papierskulpturen von Li Hongbo 2010 zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt.

„Ich glaube, dass das spätere Verständnis bei den Betrachtern wertvoller ist als das anfängliche Erstaunen“, sagt Li Hongbo. „Ich hoffe, dass die Betrachter mehr Möglichkeiten erkennen, die in einem Kunstwerk oder sogar im Leben stecken.“

Die Herstellung der Papierskulpturen ist sowohl kompliziert als auch ausgefeilt. Li Hongbo verwendet unterschiedliches Papier für unterschiedliche Themen. Nach einer Vorbehandlung klebt er mehrere Tausend Blätter aufeinander, Lage für Lage, und erhält so eine Ziehharmonika-Honigwaben-Struktur. Anschließend formt und schleift er das vorbereitete Papier mit Spezialwerkzeugen auf ähnliche Weise wie klassische Bildhauer, die Marmor bearbeiten. Für jede dehnbare Skulptur braucht er tausende oder sogar zehntausende Blätter, und die Herstellung dauert mehrere Monate.

DIE GANZ PERSÖNLICHE NOTE

Die Besucher von Li Hongbos Ausstellungen in der ganzen Welt haben oft den Wunsch, seine Skulpturen mit den eigenen Händen anzufassen. Aus diesem Grund hat er einige kleinere Werke geschaffen, die die Betrachter persönlich berühren und auseinander ziehen dürfen. Er begrüßt solche Interaktionen. „Es ist großartig, wenn die Betrachter die mit dem Papier möglichen Änderungen und meine Werke intuitiver wahrnehmen können“, sagt er. „Auf diese Weise können sich meine Werke umfassender ausdrücken, vielleicht auch in einer vierten Dimension.“

Li Hongbo glaubt, dass Kunst nicht isoliert existieren kann, sondern ihre Bedeutung durch gegenseitige Referenzen und die Integration der Künste erhält. Aus diesem Grund fährt Li Hongbo trotz der zunehmenden Popularität seiner Papierskulpturen fort, andere Felder zu erforschen. Er hat beispielsweise A Complete Collection of Buddhist Wood Engraving Works in China, zusammengestellt. Die Sammlung ist ein umfangreiches Projekt in 80 Bänden, in denen bis zu 1000 Jahre alte Werke berücksichtigt werden. Die Bearbeitung und Veröffentlichung des Projekts dauerte acht Jahre.

Anders als buddhistische Holzstiche stehen Papierskulpturen am Beginn der Entwicklung zu einer Kunstform. Li Hongbo sieht noch sehr viel mehr Möglichkeiten bei der Entwicklung von Techniken und Materialien. Beispielsweise hat Li Hongbo vor kurzem begonnen, Metall zu bearbeiten und ritzt Schattenbilder in Fleischermesser. In der Zukunft der Kunst ist alles möglich.

von Grace Mu Zurück zum Seitenbeginn
von Grace Mu

Erfahren Sie hier mehr über die Kreation von Papierskulpturen:
https://youtu.be/gttdbqX4SWA