COMPASS MAGAZINE #10
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MARIE-CLAUDE PIETRAGALLA Die Kunst der Bewegung

Marie-Claude Pietragalla ist in der Welt des Tanzes und der Choreografie eine Symbolfigur. Gemeinsam mit Julien Derouault, einem erstaunlichen Tänzer, hat sie das „théâtre du corps” (Körpertheater) kreiert, eine einzigartige Welt, die als Schauplatz für choreografische Experimente und Entdeckungen dient. Sie ist eine zeitgenössische Künstlerin, die ihre Inspiration aus der modernen Gesellschaft bezieht, dennoch offen gegenüber historischen Einflüssen bleibt und eine Verbindung zur Gegenwart herstellt, um so die Kunst der Bewegung zu erforschen.


COMPASS: Warum sind Sie Künstlerin geworden?

M.-C. PIETRAGALLA: Ich war ein sehr schüchternes Kind. Der Knoten ist geplatzt, als ich im Fernsehen einen Hintergrundbericht über die Pariser Oper sah. Durch den Tanz als lebendige Darstellungsform konnte ich auf anderem Wege, nämlich über meinen Körper, kommunizieren. Insbesondere liebe ich es, ganz im Moment aufzugehen und meinen Körper an seine Grenzen und darüber hinaus zu bringen. Und der Tanz bringt verschiedene Kunstformen zusammen: Musik, Theater, bildende Künste und nun sogar die digitale Kunst. Das menschliche Element spielt auch eine entscheidende Rolle – die Beziehung zum Publikum wird lebendig, sobald man die Bühne betritt.

Welche Hürden mussten Sie überwinden, um dort anzukommen, wo Sie heute sind?

M.-C. P.: Die einzigen Hürden sind die, die ich mir selbst in den Weg stelle. Ich habe Ziele und ein Idealbild auf das ich hinarbeite. Ich habe das sichere Gefühl erlebt, eine anerkannte Künstlerin an einer kulturellen Stätte wie der Pariser Oper zu sein.

Dann bin ich das Risiko eingegangen und habe all das hinter mir gelassen, um ein neues Universum aufzubauen, das die Freiheit bot und den Wunsch erfüllte, ständig neue Ideen finden und entwickeln zu dürfen. Man muss sich seine kindliche Neugier bewahren und seine Arbeit objektiv betrachten. Beim Tanz geht es nur um Bewegung. Wir hinterfragen ständig, was wir tun; wir sind in ständiger Bewegung. Ich glaube, man sollte sich nicht zu sicher sein und man sollte die Kommunikation nie abreißen lassen. Denn andernfalls stirbt die Kreativität.

Wenn Sie ein neues Stück tanzen oder inszenieren, was soll Ihr Publikum dabei erleben?

M.-C. P.: Der Tanz sollte einem breiten und bunt gemischten Publikum aus allen sozialen Schichten offen sein. Wir müssen den Tanz auf positive Weise demokratisieren. Neben der Geschichte, die er auf der Bühne erzählt, hat der Tanz auch ein sensorisches Element, wodurch das Publikum die von den Darstellern ausgehende Energie verspürt. Tanz ist nicht nur etwas, das man analysieren kann; ein Großteil davon ist auch instinktiv.

„WIR SIND DARAN INTERESSIERT, NEUE ERFAHRUNGEN ZU MACHEN, MIT DER ZEIT ZU GEHEN UND MODERNE TECHNOLOGIEN ZU NUTZEN.“

MARIE-CLAUDE PIETRAGALLA TÄNZERIN UND CHOREOGRAFIN

Wovon werden Sie beim Kreieren neuer Choreografien inspiriert?

M.-C. P.: Meine Inspirationsquellen sind sehr vielfältig; mal ist es ein aktuelles oder historisches Ereignis, mal eine be­rühmte Persönlichkeit, Literatur, ein Bild, Musik oder ein Film. Eugène Ionesco sagte, dass es Aufgabe der Künstler sei, Fragen zu stellen und nicht Antworten zu geben. Wir müssen es unserem Publikum ermöglichen, unsere Kunst auf ihre eigene Art zu erleben und ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Unsere Produktion Mr & Mrs Dream folgt diesem Prinzip: Sie basiert nicht nur auf dem Überraschungselement, das das Theater bieten kann, sondern auch auf den Träumen und Fantasien, die auf der Bühne lebendig werden. Jeder Zuschauer sieht, was er sehen möchte. Die Vorpremiere unserer Produktion Marco Polo fand beispielsweise in Peking statt. Kulturelle Unterschiede führten dazu, dass die Choreografien, wie wir sie uns vorgestellt hatten, nach chinesischen Maßstäben interpretiert wurden, und sie übermittelten eine vollkommen andere Botschaft, als wir geplant hatten. Wir sind daran interessiert, neue Erfahrungen zu machen, mit der Zeit zu gehen und moderne Technologien zu nutzen.

Sie sprechen neue Technologien an; sind diese ein wesentlicher Teil Ihrer Arbeit?

M.-C. P.: Sie sind wichtig, ja, weil sich so unsere Arbeit weiterentwickelt. Als wir beispielsweise in Marco Polo mit animierten Bildern gearbeitet haben, fühlten wir uns in eine Fantasiewelt versetzt. Dadurch wollten wir eine noch modernere Technik ausprobieren — 3D. Es war eine logische Folge der Überlegungen, wie menschliche Beziehungen in Bildern wirken, wie sie verzerrt werden können oder ins Imaginäre oder Surreale abdriften. Der Tanz muss andere Kunstformen widerspiegeln. Künstlerische Disziplinen und Technologie können sich zugunsten einer Idee, einer Geschichte, einer Choreografie oder einer Veranstaltung vereinen. Im 21. Jahrhundert leben Künstler mit Technologie und entwickeln sich mit ihr weiter. Im Bereich der Technologie befinden wir uns in einer Aufwärtsspirale, die uns in einen Wettlauf um immer mehr Leistung und Innovation führt. Sie ist ein fantastisches Werkzeug für die Choreografie neuer Stücke.

von Sabrina Khouchane Zurück zum Seitenbeginn
von Sabrina Khouchane