COMPASS MAGAZINE #10
COMPASS MAGAZINE #10

TARA DONOVAN Aus Gewöhnlichem Wunderbares schaffen

Die New Yorker Künstlerin Tara Donovan, bekannt für ihre raumgreifenden, an den Ausstellungsort angepassten Installationen, verändert den Blick auf Alltagsgegenstände und macht Herkömmliches außergewöhnlich.

Zahnstocher, Strohhalme, Plastikbecher, Plastikfolie und Stifte. Die meisten sehen darin nur Alltagsgegenstände. Für Tara Donovan bieten sie jedoch unendliches Potenzial für die Komposition monumentaler Skulpturen, inspiriert von den komplexen Formen der Natur.

„Alltagsmaterialien haben oft einen Bezug zur persönlichen Erfahrung, sodass die Leute, die meine Arbeit betrachten, dies häufig als sich entwickelnde Gestalt erleben, wo sich die Skulptur in einzelne erkennbare Einheiten gliedert“, so Donovan. „Ich begann mit Alltagsmaterialien zu arbeiten, weil sie preiswert und ein Massenprodukt sind. Aber mich hat auch immer interessiert, wie sich Materialien optisch verhalten, wenn sie in großer Zahl auftreten. Viele meiner frühen Arbeiten beschäftigen sich mit diesem Konzept.“

AUFRÄUMEN MIT DEM MYTHOS INSPIRATION

Donovan, die sagt, dass sie sich ihre „materiellen und ästhetischen“ Anregungen bei den generativen Aspekten der Prozesskunst und postminimalistischen Bildhauern wie Jacqueline „Jackie“ Winsor, Richard Serra und Eva Hesse holt, wusste schon früh, dass sie Künstlerin werden wollte. Allerdings glaubt sie nicht an eine „plötzliche, göttliche Inspiration“ der Künstler, wenn diese Kunst erschaffen. Vielmehr vergleicht sie ihre Arbeitsweise mit der eines Wissenschaftlers oder Architekten.

„Es ist für mich sehr befriedigend, mich Problemen zu widmen, die nur ich lösen kann. So lasse ich die Eigenheiten der Materialien den gesamten Schaffensprozess bestimmen“, erklärt sie. „Zunächst analysiere ich die physischen Eigenschaften eines einzelnen Materials. Dann baue ich eine Basiseinheit, die vervielfältigt und mit anderen Materialien verbunden verwenden kann. Das hilft mir, einen beinahe schon mechanischen Prozess für raumgreifende Installationen zu entwickeln. Ich beziehe für die Fertigstellung jeder Installation den architektonischen und kontextuellen Rahmen des Ausstellungsorts mit ein.“

In Anbetracht dessen, dass jeder Teil des Prozesses Freude macht, fügt Donovan hinzu: „Entscheidend ist die Zeit im Atelier, wo ich das Potenzial der verschiedenen Materialien untersuche, unabhängig davon, ob ich später große Projekte aus ihnen mache oder nicht. Fertiggestellt wird meine Arbeit oft erst am Ausstellungsort. Zu sehen, wie sich das Werk in unterschiedlichen Umgebungen präsentiert, ist wirklich spannend.“

FLIESSENDE INTERPRETATIONEN

Die sich während des Aufbaus entwickelnden Kunstwerke von Tara Donovan tragen schon länger keine Titel mehr.

„Ich mag die Vorstellung, dass sich die Betrachter anstrengen müssen, um zu verstehen, was sie sehen. Dadurch entwickelt sich große Neugier und sie möchten mehr entdecken“, so Donovan. „Die Wahrnehmungsverschiebung, die ich mit meinen Werken auslösen möchte, bedarf einer multiperspektivischen Erfahrung. Dazu müssen die Betrachter um das Kunstwerk herum durch den Raum gehen. Erst dann können sie das visuelle Feld des Gesamtwerks erfassen.“

PREISGEKRÖNTE KUNST

Tara Donovans innovative Kunst hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten,darunter im Jahr 2008 die MacArthur Fellowship, auch bekannt als „GeniePreis“, und 2005 den Calder Prize. Letzterer war mit einem sechsmonatigen Aufenthalt im Atelier Calder, ehemaliges Atelier des amerikanischen Bildhauers und Malers Alexander Calder, in Saché, Frankreich verbunden.

Zwischen dem 5. Februar und 5. März 2016 wurden zwei Werke von Tara Donovan neben Werken anderer Gewinner des Calder Prize auf der Ausstellung The Calder Prize 2005-2015 in der Pace Gallery in London gezeigt. Bei einem der Werke kamen Slinkys, sogenannte Treppenläuferspiralen, als skulpturbildendes, charakteristisches Material zum Einsatz. Das andere Stück, Cloud, war eine ältere Arbeit aus dem Jahr 2003 und bestand aus abertausenden Bindestreifen.

„In der freistehenden Skulptur habe ich die spreizbare Spirale der Slinkys benutzt, um eine sich entfaltende Ausbreitung von Material im Raum anzudeuten“, sagt Donovan. „Auf vielerlei Weise ist dies eine Erweiterung in einem größeren Maßstab dessen, was ich mit den Bindestreifen bei Cloud erreichen wollte.“

Von abstrakten Drucken mit Gummibändern auf Reispapier bis zu gewaltigen, raumbezogenen Installationen aus Teerpappe, Klebstoff, Klebeband und Polyesterfolie… der innovative, individuelle Ansatz von Tara Donovan verwandelt die heutige konventionelle Kunstszene und schenkt dem Publikum originelle und unvergessliche Werke zeitgenössischer Kunst. ◆

von Rebecca Gibson Zurück zum Seitenbeginn
von Rebecca Gibson

Tara Donavan bei der Arbeit mit Alltagsgegenständen
www.pacegallery.com/artists/111/tara-donovan

 

Tara Donovan on sculpting everyday materials
http://bit.ly/EverydayMaterials