COMPASS MAGAZINE #10
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ZAHA HADID Einsatz für Freiheit und Wandel

Dame Zaha Hadid ist international anerkannte Innovatorin der Avantgarde-Architektur, die das vielschichtige Leben um uns herum interpretiert.

COMPASS: Wie haben Sie zur Architektur als beruflicher Laufbahn gefunden?

ZAHA HADID: Ich wuchs in den 1960er Jahren in Bagdad auf, also damals in einer neuen Republik, die gerade dabei war, sich als Nation neu zu finden. Auf Architektur wurde großer Wert gelegt. Die Struktur der Stadt wurde mit neuem Stolz gesehen, und die Ideen des Wandels, der Befreiung und Freiheit dieser Ära waren entscheidend für meine Entwicklung.

Als Kind kam ich jeden Sommer mit meinen Eltern nach Europa, und mein Vater sorgte dafür, dass ich jedes Museum, jede Moschee und jede Kathedrale in Reichweite zu Gesicht bekam! Ich weiß noch, wie ich mit sieben Jahren die große Moschee in Cordoba anschaute. Dieses Gebäude hat mich tief beeindruckt.

Bevor ich zum Studium bei der Architectural Association nach London kam, studierte ich Mathematik an der Amerikanischen Universität in Beirut. Geometrie ist unglaublich eng mit Architektur verwoben – heutzutage umso mehr, angesichts der modernen Computerskripte, die wir tagtäglich in unseren Büros nutzen.

Was sind ihre Inspirationsquellen für Ihre Entwürfe?

ZH: Letztendlich geht es bei Architektur um das Wohlbefinden – die Erschaffung angenehmer und stimulierender Szenarien für alle Aspekte des Lebens. Nach meiner Überzeugung ist es aber auch wichtig, dass jedes Projekt für inspirierende, aufregende und begeisternde Erlebnisse sorgt.

Man fragt mich oft „Warum gibt es in Ihrer Architektur keine geraden Linien, keine rechten Winkel?“ Das kommt daher, dass das Leben nicht in Rastern abläuft. Landschaften sind nicht gerade und gleichmäßig. Die Menschen fühlen sich zu Orten natürlicher Schönheit hingezogen und finden sie sehr inspirierend. Ich glaube, das kann man auch in der Architektur erreichen – so nutzen wir die natürlichen Landschaften und Rhythmen der urbanen Umgebungen dafür, Gebäude zu entwickeln, die in direkter Beziehung mit ihrer Umwelt stehen.

Was beeinflusst Ihre Entwürfe außerdem?

ZH: Wahre Avantgarde-Architektur hält sich nicht an Modetrends oder Konjunkturzyklen – sie folgt stattdessen der eigenen Logik von Innovations- zyklen, genährt von sozialen und technischen Entwicklungen. Die moderne Gesellschaft steht nicht still, und die Gebäude müssen sich ebenfalls mit neuen Lebensmustern weiterentwickeln, um die Bedürfnisse ihrer Nutzer zu befriedigen.

Das neue an unserer Generation ist meiner Ansicht nach der höhere Grad an sozialer Komplexität. Eine der großen Herausforderungen für
die moderne Stadtentwicklung und Architektur ist, sich zu einer Architektur des 21. Jahrhunderts hin zu bewegen: eine Architektur geprägt von flexibler Spezialisierung, die komplexe Arbeits- und Lebensprozesse sowie die viel größere Dynamik in Bezug auf das Berufsleben und auf Unternehmen gleichermaßen anspricht.

Woher stammt Ihre Inspiration zu lehren und wie motivieren Sie Ihre Studenten am besten?

„ES IST WICHTIG, DASS JEDES PROJEKT FÜR INSPIRIERENDE, AUFREGENDE UND BEGEISTERNDE ERLEBNISSE SORGT."

ZAHA HADID ARCHITEKTIN

ZH: Ich werde mich immer an die Lehrer der Nonnenschule in Bagdad erinnern, die mich als Kind in wissenschaftlichen Fächern unterrichtet haben. Sie kamen alle von der Universität, daher hatten ihre Kurse ein unglaubliches Niveau. Die Rektorin unserer Schule, eine Nonne, engagierte sich sehr für die Bildung von Frauen. Somit war sie auf ihre Weise eine Pionierin in diesem Teil der Welt.

Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als mir klar wurde, dass zu lehren auch für mich selbst eine Lernerfahrung bedeutet. Es geht nicht nur darum, was ich weiß, sondern auch um die Frage, was meine Studenten wissen. Der Prozess beruht auf Gegenseitigkeit, man weiß nie, was einem die Studenten geben werden, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt, sich zu äußern. Man muss ihnen nur genug Selbstvertrauen geben, ihr Bestes zu tun, und einen gewissen Grad an Freiheit.

An welchen interessanten Projekten für die Zukunft arbeiten Sie gerade?

ZH: Wir arbeiten derzeit an einer Vielzahl von Projekten weltweit, darunter nationale Institutionen wie die neue Zentrale der Notenbank des Irak und das neue Nationalstadion von Japan in Tokio.

Datenverarbeitung hat die Architektur auf unglaubliche Weise rasant verändert. Es besteht eine wechselseitige Beziehung: Unsere gewagteren Entwürfe spornen die Entwicklung neuer digitaler Technologien und Konstruktionstechniken an, und diese neuen Entwicklungen inspirieren uns im Gegenzug dazu, die Möglichkeiten architektonischer Entwürfe weiter voranzutreiben.

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von Amber Stokes
  • www.zaha-hadid.com