COMPASS MAGAZINE #10
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CHINA VOR HERAUSFORDERUNGEN Niedriglohnjobs in der Fertigung gehen verloren, was soll an ihrer Stelle kommen?

China versucht, unter den technologisch entwickelten Ländern dieser Welt weiter aufzusteigen, verfügt jedoch derzeit nur über eine Handvoll weltweit konkurrenzfähiger Fertigungsunternehmen. Um personalintensive Tätigkeiten, die immer mehr aus dem Land verschwinden, zu ersetzen und auf steigende Lohnkosten zu reagieren, treiben die Manager chinesischer Unternehmen die Automatisierung voran und übernehmen ausländische Firmen mit beachtlichem Management-Know-how.

Als das chinesische Unternehmen BYD im Jahr 2008 die Weltöffentlichkeit mit batteriebetriebenen Autos überraschte, sprach dessen Vorsitzender Wang Chuanfu kühn von Plänen, einen US-amerikanischen Vertriebspartner für seine Fahrzeuge zu finden. Warren Buffett, der als einer der cleversten Investoren der Welt gilt, übernahm fast 10% der Unternehmensanteile – für 230 Millionen US-Dollar.

Als Investoren herausfanden, dass BYD seine Lithiumakkus mittels ‘Trial and Error’ montierte und nicht die nötige Ausrüstung hatte, um die Zellen in großen Stückzahlen bei hoher Qualität zu produzieren, platzte die Blase. Aus Deutschland sprang Daimler mit der passenden Ausrüstung ein, doch bis jetzt haben es die Mitarbeiter von BYD nicht geschafft, die neue Technik zu beherrschen. Bis heute verkauft BYD nur eine Handvoll Elektrofahrzeuge, alle davon am chinesischen Heimatstandort in Shenzen.

Als das chinesische Unternehmen BYD im Jahr 2008 die Weltöffentlichkeit mit batteriebetriebenen Autos überraschte, sprach dessen Vorsitzender Wang Chuanfu kühn von Plänen, einen US-amerikanischen Vertriebspartner für seine Fahrzeuge zu finden. Warren Buffett, der als einer der cleversten Investoren der Welt gilt, übernahm fast 10% der Unternehmensanteile – für 230 Millionen US-Dollar.

Als Investoren herausfanden, dass BYD seine Lithiumakkus mittels ‘Trial and Error’ montierte und nicht die nötige Ausrüstung hatte, um die Zellen in großen Stückzahlen bei hoher Qualität zu produzieren, platzte die Blase. Aus Deutschland sprang Daimler mit der passenden Ausrüstung ein, doch bis jetzt haben es die Mitarbeiter von BYD nicht geschafft, die neue Technik zu beherrschen. Bis heute verkauft BYD nur eine Handvoll Elektrofahrzeuge, alle davon am chinesischen Heimatstandort in Shenzen.

Die Geschichte von BYD ist typisch für die Probleme, vor denen die meisten chinesischen Unternehmen stehen, staatliche wie private. Die Löhne steigen, und so verschwinden personalintensive Fertigungstätigkeiten mehr und mehr aus China; das Land muss erst noch unter Beweis stellen, dass es auch anspruchsvollere Fertigungsprozesse beherrschen kann.

„Wir können uns nicht mehr länger auf einen Wettbewerbsvorteil durch geringere Kosten verlassen“, sagte im Januar der Sprecher des Handelsministeriums, Shen Danyang. „Wir müssen schneller hochwertigere Produkte mit Mehrwert entwickeln.“ Vor diesem Hintergrund setzte sich das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie das Ziel, bis 2015 fünf bis acht chinesische Elektronikunternehmen mit starken Markennamen und mindestens 16 Milliarden US-Dollar Umsatz hochzuziehen.

Wenn China es nicht schafft, aus seiner Stellung als Werkbank der Welt am Ende der Produktionskette auszubrechen, sind die Aussichten für seine Arbeitskräfte düster: Millionen werden freigesetzt, ohne die Möglichkeit, in besser bezahlte, höher qualifizierte Positionen aufzusteigen. „Einige Unternehmen werden die Umstellung schaffen, aber es ist noch nicht klar, ob China als Ganzes geschickt genug ist, um den Übergang ausreichend schnell zu bewältigen“, so David Wolf, Head of Global China Practice bei Allison & Partners in Peking und renommierter Beobachter chinesischer Unternehmen.

„WIR KÖNNEN UNS NICHT MEHR LÄNGER AUF EINEN WETTBEWERBSVORTEIL DURCH GERINGERE KOSTEN VERLASSEN.“ 

SHEN DANYANG SPRECHER DES CHINESISCHEN HANDELSMINISTERIUMS

KAPITAL STATT BILLIGER ARBEITSKRÄFTE

Die traditionell angeführten Gründe, warum chinesische Unternehmen nicht in der Lage seien, den Beispielen von Toyota Motors in Japan oder Samsung Electronics in Südkorea auf dem Weg nach oben in der Technologiekette zu folgen, sind nicht neu. Zunächst behindert der mangelnde Schutz geistigen Eigentums in China die Innovationskraft, weil Erfindungen so leicht gestohlen werden können. Zugleich begrenzt die Kommunistische Partei den freien Informationsfluss und verlagert massive Ressourcen hin zu Staatsunternehmen. Kleinere private Unternehmen sind zwar innovativ, finden jedoch kaum Zugang zu Kapitalressourcen. Einige Firmen wie Lenovo, Huawei, ZTE, Haier und Geely Automotive haben sich zwar Zugang zum Weltmarkt eröffnen können, aber die meisten chinesischen Unternehmen sind mit ihrem riesigen Heimatmarkt beschäftigt.

Die beiden neuesten Aspekte der Debatte drehen sich um Automatisierung und die Übernahme ausländischer Unternehmen. Automatisierung: Chinesische Betriebe erwerben riesige Mengen an Robotern und Software, um ihre Produktivität zu steigern. Hao Jianjun, Geschäftsführer von Great Wall Motors, erklärte kürzlich in einem Interview mit Business Week, dass er 161 Millionen US-Dollar für die Mechanisierung von vier Automobilwerken mit 1.200 Robotern ausgebe. „Die Investitionen werden sich innerhalb von drei Jahren durch Einsparungen bei den Lohnkosten rentiert haben“, so Hao. Chinesische Unternehmen haben ihre Gesamteinkäufe von Robotern zwischen 2006 und 2011 vervierfacht. Im selben Zug kaufen die Chinesen auch Software, um in ihren Werken die Produktion besser koordinieren zu können.

Skeptiker sind der Ansicht, dass die Chinesen selbst dann noch den rasch steigenden weltweiten Fertigungsstandards hinterherhinken werden. „Die Technologien, die in den kommenden Jahrzehnten die Fertigungsbranche neu gestalten werden, sind Robotik, künstliche Intelligenz, 3D-Druck und leistungsstarke Sensortechnik, die hochintelligente und flexible Fertigungsstätten ermöglichen“, sagt Abe Reichental, Präsident und Chief Executive Officer von 3D Systems in Rock Hill im US-Bundesstaat South Carolina. „Die chinesischen Fabriken sind darauf ausgerichtet, jeweils ein Produkt in großen Stückzahlen herzustellen.“

Übernahmen im Ausland: Dank Devisenreserven im Wert von ca. 3 Billionen US-Dollar konnten chinesische Firmen Unternehmen aus der Rohstoffbranche und dem Energiesektor sowie Technologieunternehmen kaufen. Zu den neuesten Übernahmen zählen A123 Systems, ein US-amerikanischer Hersteller von Lithiumakkus, und Complete Genomics, eine Firma spezialisiert auf DNA-Sequenzierung. Die klassische Übernahme ist nach wie vor der Kauf der PC-Sparte von IBM durch Lenovo im Jahr 2004. Damit erhielt Lenovo sowohl die Thinkpad-Technologie als auch die Disziplinen Personalwesen, Finanzen und Marketing, aufgebaut von einem bedeutenden multinationalen US-Unternehmen.

Oded Shenkar, Wirtschaftsprofessor an der Ohio State University und Autor des Buches Copycats: Gut kopiert ist besser als teuer erfunden, glaubt, dass die Chinesen dank solcher Übernahmen ihre Schwächen überwinden werden. „Man kann nicht einfach die Erfahrungen aus Japan und Südkorea ableiten“, so Shenkar. „China wird seinen Vorteil des billigen Kapitals ausspielen. Es wird die Innovatoren aufkaufen. Das ist ein ganz anderes Modell.“

3 Billionen US-Dollar

China hat Devisenreserven in Höhe von 3 Billionen US-Dollar, mit denen Unternehmen der westlichen Welt samt ihrem unternehmerischen Know-how eingekauft werden.

Durch die Übernahme von Wissen werde die Wachstumskurve Chinas stärker ansteigen, ist Shenkar überzeugt. „Normalerweise hätte Lenovo Jahrzehnte gebraucht, um die Art von Fertigkeiten zu entwickeln, die man nun einfach durch die Übernahme der IBM-Sparte erhalten hat.“ Er merkt an, dass Geely Automotive nun mit dem Kauf von Volvo vom bisherigen Eigentümer Ford zu einem ähnlichen Entwicklungssprung ansetzt, der dem Unternehmen eine sofortige Präsenz in Europa und den USA verschaffen würde, zusätzlich zu westlichem Management-Know-how.

UNKLAR IST WIE ES WEITERGEHT

Doch nicht jeder glaubt, dass die Strategie von Übernahmen aufgehen wird. „Eine Übernahme ist einfach – die Integration hingegen ist unglaublich schwierig“, so Wolf. Er weist darauf hin, dass das Management von Lenovo nach der Übernahme der PC-Sparte von IBM konzernintern in schweres Fahrwasser geriet. Ein Großteil des Anteils am Weltmarkt ging verloren, bevor das Unternehmen erst vor kurzem eine Erholung einleiten konnte. „Ich bin nicht so richtig davon überzeugt, dass es andere Unternehmen leichter haben werden.“ Wahr ist, dass die Chinesen westliche Skeptiker bereits mehrmals überrascht haben. Shenkars Urteil dazu: „Aktuell haben sie keine Fertigungsunternehmen von wirklich weltweitem Rang. Aber sind sie in der Lage, solche Unternehmen zu erschaffen? Ja.“

von William J. Holstein Zurück zum Seitenbeginn
von William J. Holstein