COMPASS MAGAZINE #10
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CLOUD COMPUTING Hard- und Software zum Mieten wird erwachsen

Wie viele andere Technologien, die einschneidende Veränderungen für die Geschäftswelt und die Gesellschaft mitbringen, gewinnen auch Cloud-Angebote immer mehr an Fahrt. Die Vorteile der Cloud in Bezug auf Kosten und Flexibilität sind unbestritten; die größte Herausforderung für viele Unternehmen ist nun die Integration der zahlreichen Dienste, die die Cloud bietet, in die bestehenden Geschäftsabläufe.

Für den aufmerksamen Geschäft­s­führer, der sich nachts schlaflos im Bett wälzt, im rastlosen Grübeln über die Herausforderungen der immer schneller werdenden, sich ständig wandelnden Geschäftszyklen, bietet Cloud Computing einen entscheidenden Vorteil: die Flexibilität, schnell zu lernen, sich anzupassen und auch einmal zu scheitern, damit das Unternehmen seine Verluste minimieren und bei der nächsten Geschäftsgelegenheit wieder zur Stelle sein kann.

„Es ist völlig in Ordnung zu scheitern, so lange man daraus lernt und weitermacht“, sagt Shawn Rogers, Vizepräsident für Forschung, Unternehmensintelligenz und Data Warehousing bei Enterprise Management Associates (EMA), einem Anbieter von Cloud-Dienstleistungen mit Sitz in Boulder im US-Bundesstaat Colorado. „Aber für das Scheitern darf man sich keine zwei Jahre Zeit nehmen. Das Scheitern an sich ist nicht das Schlimme. Langsam zu scheitern, davor sollte man Angst haben.“

Laut Rogers können die Unternehmen dank Cloud Computing rascher reagieren, als das bei früheren IT-Modellen möglich war, und so neue Strategien einsetzen und besser in einer sich immer schneller drehenden, digitalen und date­norientierten Welt konkurrieren. Diese Geschwindigkeit ist entscheidend für den Erfolg in einer Umgebung, in der neue Wettbewerber fast über Nacht aus dem Boden wachsen können und der Markt fast ebenso schnelles Umschwenken verlangt.

All das verspricht Cloud Computing – elastische Infrastruktur der Informations­technologien (IT), schneller Einsatz von Daten und Anwendungen, höhere Produktivität, bessere Kostenkontrolle, Vereinfachung von Mobilität – es ist kein kleiner Vorteil, dass man dadurch in die Lage versetzt wird, neue Strategien schnell umzusetzen und ihren Erfolg zu bewerten.

BESSER, SCHNELLER, STÄRKER

Als der US-amerikanische Kosmetikkonzern Revlon ein Programm startete, um seine Geschäftsabläufe weltweit zu globalisieren, wurde David Giambruno, Senior Vice President und Chief Information Officer, damit betraut, nahezu alle IT-Funktionen bei einem externen Cloud-Anbieter zu virtualisieren. Dabei bestand seine Sorge nicht darin, dass das IT-Budget des Unternehmens (2% des Umsatzes in Höhe von 1,4 Milliarden US-Dollar) zu hoch war, so Giambruno in einem Interview mit dem Anbieter von Revlons Virtualisierungsdiensten. Er wollte einfach nur die Geschäftsabläufe von Revlon verbessern und einfacher gestalten.

„Heute ist den meisten unternehmen jedoch klar, dass der it-bereich von der cloud revolutioniert wurde.“

Stephane Maarek OUTSCALE

So übertrug Revlon im Jahr 2011 mehr als 500 IT-Anwendungen, die 98% der weltweiten Arbeitslast des Unter­nehmens entsprachen, auf einen privaten Cloud- Dienst. Dieser Schritt hat seitdem 70 Millionen US-Dollar eingespart, den Projektdurchsatz um 300% gesteigert, den Energieverbrauch der Datenzentren um 70% und die Ausfallzeiten von IT-Ausstattung bis auf Null gesenkt. Die Cloud-basierten Geschäftsabläufe von Revlon konnten ihre Fähigkeit unter Beweis stellen, als das Datenzentrum des Unternehmens in Venezuela bei einem Brand zerstört wurde. Innerhalb von nur zwei Stunden verschob Revlon seine IT-Dienste nach New Jersey.

Cloud-Leistungen gibt es in so vielen verschiedenen Formen, da ist es oft keine leichte Aufgabe, einen Kosten­vergleich zwischen eigener IT-Hardware und Cloud-basierter IT anzustellen. Zum Beispiel schätzt das weltweit tätige IT-Marktforschungsunternehmen Gartner, dass die jährlichen Kosten für eigene Softwareanwendungen inklusive deren Management vier Mal so hoch liegen können wie die anfänglichen Anschaffungskosten. Der Wert der Gesamtunterhaltskosten (Total Cost of Ownership – TCO) von Cloud-basierter Software als Dienstleistung (Software as a Service – SaaS) berücksichtigt jedoch nicht nur die Anfangsinvestition in SaaS-Lizenzen, sondern auch die Kosten für Anpassung, Skalierbarkeit, Integration in bestehende Anwendungen, Schulung und Support, was Vergleiche so gut wie unmöglich macht.

Hardware in der Cloud zu mieten scheint da einfacher zu sein; es kostet ca. ein Drittel der Kosten für den Erwerb und die Instandhaltung von internen Systemen, so die weltweit tätige Wirtschaftsberatung McKinsey Global Institute (MGI). Da verwundert es nicht, dass sich gemäß einer Schätzung des Cisco Global Cloud Index der weltweite Datenverkehr aus Clouds bis 2019 versechsfachen soll.

VORHERSAGE: BEWÖLKT

Cloud Computing als Konzept gibt es schon seit fast zwei Jahrzehnten. Salesforce.com wurde vor ca. 15 Jahren in der Cloud gegründet. Workday, ein Cloud-Dienstleister für Personal­dienst­leistungen, wurde 2005 gegründet, und Amazon Web Services begann 2006 seine Geschäftstätigkeit. Heute erreicht Cloud Computing nach und nach durch technische Verbesserungen, darunter enorm gestiegene Übertragungs­geschwin­digkeiten und Bandbreiten der Netzwerke, eine kritische Masse. Laut einem MGI-Bericht aus dem Jahr 2013 könnten bis 2025 die meisten IT- und Webanwendungen über die Cloud kommen, mit entsprechenden wirtschaftlichen Auswirkungen von bis zu 6,2 Billionen US-Dollar.

Die Herausforderung für die IT-Chefs der Unternehmen beginnt schon bei der Entscheidung, wann und wie man in die Cloud investieren soll. Dann müssen die Führungskräfte den Übergang der Geschäftsabläufe des Unternehmens in die Cloud hinaus leiten. Damit verbunden sind Prozesse umzugestalten und die Rollen und Aufgaben von IT-Mitarbeitern neu zu definieren.

„Die IT-Abteilungen sind zusammen mit den Unternehmen selbst gewachsen, aber es stellte sich nach und nach heraus, dass es einfach nicht ausreichend Mitarbeiter gibt, um alles intern zu erledigen“, so Stephane Maarek, Vice President Business Development bei Outscale, einem Cloud- Dienstleister mit Sitz in Frankreich. „Es ist schwer, genügend qualifizierte Leute zu finden. Durch die Cloud werden Talente verfügbar, denn so baut man keine internen Strukturen mehr auf, die nicht unbedingt intern aufgebaut werden müssen. Stattdessen kann man seine Mitarbeiter für die strategische Planung einsetzen.“

US$6,2 Billionen

Laut einem MGI-Bericht aus dem Jahr 2013 könnten bis 2025 die meisten IT- und Webanwendungen über die Cloud kommen, mit entsprechenden wirtschaftlichen Auswirkungen von bis zu 6,2 Billionen US-Dollar.

Jeanne Ross, Leiterin und Kopf der Forschung am Center for Information Systems der Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology (MIT), sieht noch weitere Vorteile der Cloud. „Eine schöne Sache an der Cloud ist, dass sie einem Disziplin aufzwingt, denn die Software lässt sich nicht individuell anpassen“, so Ross. „Konfigurieren ja, anpassen nein. Es ist erstaunlich, wie viel schneller alles vonstatten geht, wenn man es nicht verändern kann. Ich finde es schade, dass viele Leute wegen Sicherheitsbedenken der Cloud fern bleiben. Die meisten Unternehmen, die recht forsch den Weg in Richtung Cloud beschritten haben, konnten fest­stellen, dass die Sicherheit in der Cloud viel besser ist als ihre eigene im Unter­nehmen, weil die Cloud-Dienstleister ihre Dienste kontinuierlich aktualisieren.“

Laut einer weltweiten Studie („Impact of Cloud on IT Consumption Models“) von Cisco zusammen mit Intel aus dem Jahr 2013, bei der es um die Auswirkung der Cloud auf Modelle der IT-Nutzung ging, ist Datensicherheit die größte Sorge bei Überlegungen zur Cloud, aber zugleich auch einer der drei wichtigsten Gründe, warum zur Cloud gewechselt wird. Die Befragten scheinen also vorsichtig optimistisch zu sein, dass der Cloud-Anbieter besser für die Sicherheit ihrer Daten sorgen kann als ein einzelnes Unternehmen. Die Ergebnisse der Umfrage bei 4.226 IT-Führungskräften in 18 Branchen und neun großen Volkswirtschaften deuteten auch darauf hin, dass eine robuste Sicherheit und gute Datenschutzfähigkeiten die am ehesten entscheidenden Faktoren sind, mit denen Cloud-Anbieter Kunden für sich gewinnen können. Das ist ein riesiger Anreiz für solche Anbieter, dem Optimismus der Führungskräfte auch tatsächlich gerecht zu werden.

Einige Branchenbeobachter würden Cloud-Computing eigentlich eher als „Sky-Computing“ bezeichnen, weil im Grunde viele Wolken in der Form eigenständiger ausgelagerter Kategorien von IT-Leistungen umherschweben, die je nach Bedarf angezapft werden können. Dazu gehören:

• NaaS (Network as a Service): Die Nutzer erhalten Zugang zu Konnektivitätsleistungen, z. B. flexible und erweiterte Virtual Private Networks (VPN) und erhöhte Bandbreite auf Anfrage.
• IaaS (Infrastructure as a Service): IaaS bietet Computer und andere Ressourcen, darunter Daten­speicherung, Software, Firewalls und IP-Adressen, aus großen physischen Datenzentren, die über das Internet oder VPNs miteinander verbunden sind.
• SaaS (Software as a Service): Die Nutzer erwerben Zugang zu Software-Anwendungen und Daten­banken. SaaS wird üblicherweise einzeln für jede Nutzung zuzüglich eines Grundpreises bezahlt.
• PaaS (Platform as a Service): Dank Zugang zu Betriebssystemen, Datenbanken und Webservern bleiben den Nutzern Kosten und Nerven für den Einkauf und die Verwaltung ihrer eigenen Hard- und Software erspart.

„Eine schöne sache an der cloud ist, dass sie einem disziplin aufzwingt, denn sie lässt sich nicht individuell anpassen.“

Jeanne Ross MIT Sloan School Of Management

Clouds gibt es auch in öffentlicher, gemeinschaftlicher und privater Form: Öffentlich bedeutet, dass die Cloud-Leistungen über das Internet zugänglich sind; bei gemeinschaftlichen Cloud-Leistungen teilt sich eine Gruppe von Organisationen gemeinsame Infrastrukturen, und private Cloud-Architektur ist nur für eine einzige Organisation. Hybride Clouds kombinieren zwei oder mehrere private, gemeinschaftliche oder öffentliche Clouds.

„Vor zehn Jahren hatten die Menschen noch echte Probleme, das Konzept der Cloud zu verstehen“, sagt Maarek von Outscale. „Heute ist den meisten Unter­nehmen jedoch klar, dass der IT-Bereich von der Cloud revolutioniert wurde. Neben den ganzen Kosteneinsparungen ist revolutionär, dass die Cloud die Türen zu völlig neuen Szenarien aufgestoßen hat. Dank ihr können Unternehmen in Projekte investieren, in die sie sonst nicht inves­tieren könnten. Die Unternehmen scheitern schneller und sind schneller wieder erfolgreich. Durch sie wird einfach alles schneller.“

Zwar weiß Maarek, dass viele Unternehmen noch bei der Frage zögern, wie man am besten an Cloud-Leistungen herangeht, aber der Trend zur Akzeptanz und Übernahme des Konzepts ist nicht zu übersehen. „Wenn die ersten Leute ins Wasser gesprungen sind, werden die anderen nach und nach folgen.“

TOP 10 ÜBERLEGUNGEN ZUR CLOUD

So unumgänglich der Trend zur Cloud auch scheinen mag, die Unternehmens­leiter sollten sich nicht scheuen, wichtige Fragen zu stellen, bevor sie Anbieter von Cloud-Leistungen in die engere Wahl ziehen. Shawn Rogers von EMA nennt 10 Aspekte, die zu beachten sind:

•Preismodell: Wenn man die Gesamt­unterhaltskosten betrachtet, kann ein Cloud-Angebot manchmal teurer sein als interne Lösungen. Rechnen Sie daher genau nach und vergleichen Sie.

• Architektur: Sie sollten sie verstehen. Kleinere Cloud-Anbieter können den Funktionsbedarf eines Unternehmens manchmal nur schwer erfüllen.

• Dienstleistungsabwicklung: Prüfen Sie Dienstleistungsverträge sorgfältig.

• Transparenz: „Ich mag Cloud-Anbieter, die bereit sind, Fehlleistungen von allein anzusprechen“, so Rogers. „Man sollte keine Cloud-Unternehmen erwarten, die immer perfekt sind.“

• API: Programmierschnittstelle, von der die Qualität der Kommunikation zwischen den Anwendungen abhängt.

• Sicherheit: Die Cloud-Anbieter haben auf diesem wichtigen Gebiet enorme Fortschritte gemacht, dennoch sollten Sie nicht auf eine eigene Risikoprüfung verzichten.

• Nachweis der Machbarkeit: Fordern Sie kostenlose Probeleistungen an, sowie zusätzlich Skalierungs- und Integrationstests.

• Schulungen: Wie werden sie vom Anbieter gehandhabt? Über Seminare, Schulung vor Ort oder Konferenzen?

• Kaufmännische Stärke: Schauen Sie sich die Management-Struktur und die Organisation des Anbieters an. Vergewissern Sie sich über die Stabilität des Unternehmens.

• Rückzugsstrategie: „Viele Menschen verschwenden keinen Gedanken an ein Ende der Zusammenarbeit, aber gerade in diesem Bereich gibt es oft Probleme“, so Rogers. „Ich weiß von Verträgen, die Strafzahlungen bei Kündigung vorsehen.“

von Dan Headrick Zurück zum Seitenbeginn