COMPASS MAGAZINE #10
COMPASS MAGAZINE #10

DIE HYPERVERNETZTE WIRTSCHAFT Immer und überall vernetzt: Die Konnektivität hat Auswirkungen auf alle Aspekte der Wirtschaft

Mit der zunehmenden Verbreitung von mobilen Geräten hinterlassen wir Datenspuren, die Unternehmen nutzen, um jeden Wunsch zu erfüllen. Das Internet der Dinge (IoT) vernetzt Geräte immer enger und hebt das Kundenerlebnis auf eine neue Ebene. Das Ergebnis ist eine hypervernetzte Wirtschaft, in der Communities gemeinsam an Problemen arbeiten und alle Unternehmen gezwungen sind, ihr Geschäftsmodell grundlegend zu überdenken, ebenso wie Leistungen, die sie anbieten und die Beziehungen zu Kunden, Wettbewerbern und der Welt als Ganzes.

Fast 25 Jahre lang erklärte der Industriegigant GE beherzt: „We Bring Good Things to Life.“ Heute verfolgt das Unternehmen eine aggressive Strategie, um in der von Software und Daten dominierten hypervernetzten Wirtschaft Marktführerschaft zu erlangen. Ein besserer Slogan für das 124-jährige Unternehmen wäre daher eher: „We Bring Good Life to Things.“

Von seinen installierten Anlagen sammelt GE in jeder Sekunde Millionen Datenpunkte. Die eingebauten Sensoren in GE-Anlagen an Kundenstandorten weltweit übersteigen einen Wert von 1 Billion US-Dollar und sind in bildgebenden medizinischen Systemen genauso zu finden wie in Triebwerken. Alle diese Anlagen senden Daten durch das Internet der Dinge (IoT) zu der Cloud.

Verschiedene Anwender-Communities, von Bohringenieuren und Luftfahrtgesellschaften bis hin zu Meteorologen und Medizintechnikern, greifen auf die Daten in Echtzeit zu, um Wartungen zu planen, die Effizienz von Maschinen zu verbessern und die Ausfallzeiten jeder überwachten Anlage zu reduzieren. Darüber hinaus sammelt GE auch detaillierte Daten über die Nutzung der Anlagen durch die Kunden, empfiehlt, wie Kunden Anlagen effizienter nutzen können, und analysiert, wie Produkte von GE noch unverzichtbarer gemacht werden können. Mit diesem Prozess erfindet GE sich neu und wird zu einem Unternehmen, das sich genauso auf den Wert der von den Produkten erzeugten Daten stützt wie auf die eigentlichen Produkte.

„Für jede physikalische Anlage, die wir global besitzen, betreiben wir eine virtuelle Kopie in der Cloud. Die dazu benutzte Software wird mit jeder Sekunde reicher an operationalen Daten“, sagt Colin Parris, Vice President, verantwortlich für Software und Analytik bei GE. Er erklärt, wie die digitale Strategie von GE z.B. die Ausfallzeiten von Flugzeugtriebwerken reduziert: „Eine Flugzeugpanne und keine Vorbereitungszeit sind der schlimmste Fall. Wenn wir anhand von Analysen ein Problem einen Monat oder sogar sechs Wochen im Voraus vorhersagen können, dann wissen wir genau, wann eine Inspektion stattfinden muss und was genau falsch laufen könnte, bevor sich ein schlimmes Problem entwickelt.“

HYPERKONNEKTIVITÄT: „EIN STEILER ANSTIEG BEI DER VERNETZUNG VON MENSCHEN, ORGANISATIONEN UND OBJEKTEN BASIEREND AUF DEM INTERNET, MOBILEN TECHNOLOGIEN UND DEM INTERNET DER DINGE (IOT).“

THE ECONOMIST INTELLIGENCE UNIT AUS DEM ARTIKEL „HYPERCONNECTED ORGANISATIONS: HOW BUSINESSES ARE ADAPTING TO THE HYPERCONNECTED AGE“ VON 2015

Damit ein Unternehmen wie GE sich so gründlich und in dieser Größenordnung umkrempeln kann, darf es die Anwender- Communities nicht als Zuschauer wahrnehmen, sondern als Umsatztreiber. Drei Jahre sind vergangen und laut Forbes aktuellen Berichten sagt GE für 2016 für den Bereich Software-Verkauf und Daten-Dienstleistungen einen Umsatz von 7 Milliarden US-Dollar voraus. Hyperkonnektivität – GE überwacht und analysiert seine Anlagen weltweit und kommuniziert über sichere Internet- Verbindungen mit diesen – macht‘s möglich. (Siehe „Ergebnisorientierte Anlagen“ auf S.68)

„In dem sich entwickelnden wettbewerbsorientierten geschäftlichen Umfeld, das uns umgibt, geht es nicht einfach nur um Vernetzung oder das Sammeln von Daten“, erklärt Robert C. Wolcott, Professor, Executive Director und Mitbegründer des Kellog Innovation Network (KIN) der Kellogg School of Management an der Northwestern University in Evanston, Illinois. „Alle sind vernetzt. Alle haben Daten. Wie man mit diesen Daten umgeht, um Kunden jederzeit und sofort zu dienen – das ist es, was zählt. Das ist eine ganz andere Mentalität und eine ganz andere Art der Unternehmensführung.“

UNTERNEHMEN OHNE VERMÖGENSWERTE

Hypervernetzte Netzwerke bieten Unternehmen zunehmend neue Gelegenheiten für den Aufbau von nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen: Vielfältige, vernetzte Communities verbinden Käufer und Verkäufer, Anwender und deren Gleichgesinnte miteinander. Das Ergebnis ist eine Welt, in der physische Vermögenswerte für einige der erfolgreichsten hypervernetzten Unternehmen keine Rolle mehr spielen.

“Viele Unternehmen haben es bereits erkannt: Die Vernetzung transformiert die Ökonomie der Innovation.”

MICHAEL SCHRAGE VISITING FELLOW, MASSACHUSETTS INSTITUTE OF TECHNOLOGY

Das Unternehmen Uber besitzt beispielsweise keine Taxis. Dennoch wurde es zum größten Taxiunternehmen der Welt, indem es eine Verbindung herstellt zwischen Menschen, die nach einer Mitfahrgelegenheit suchen, und Autobesitzern, die Mitfahrer gegen Gebühr mitnehmen. Verwaltet wird die Transaktion von Uber. Und ohne ein einziges Hotel zu bauen, ist AirBnB zu einem der größten Anbieter von Unterkünften weltweit geworden. Die vom Unternehmen entwickelte Online-Community gedeiht prächtig und paart Menschen, die nach einer Unterkunft suchen, mit denen, die ihre Wohnung kurzzeitig vermieten wollen. Amazon – Urvater der hypervernetzten Wirtschaft – lagert weder ein Küchenutensil, Kleidung oder Werkzeug, und verkauft trotzdem jeden Tag Millionen solcher Artikel. Amazon hat sogar das leistungsfähige Computernetzwerk, mit dem es die eigenen geschäftlichen Transaktionen abwickelt, in einen Service verwandelt, der an andere hypervernetzte Unternehmen verkauft wird: Amazon Web Services. Es ist ein leistungsfähiges Modell, das Gewinne mit bisher unerreichter Effizienz abwirft. Die Effizienz ist tatsächlich so hoch, dass einige Ökonomen glauben, Hyperkonnektivität sei zum Teil für die globale wirtschaftliche Trägheit und Arbeitslosigkeit verantwortlich. Nach Überschreitung der Effizienzspitze sagen diese Ökonomen allerdings auch ein beispielloses Wachstum voraus. (Siehe „Disruptive Wirkung auf den Arbeitsmarkt“ auf S.54)

DER NETFLIX-EFFEKT

Netflix begann als DVD-Verleihunternehmen, das DVDs auf dem Postweg verschickte. Als das Unternehmen die Leistungsfähigkeit von Big Data in hypervernetzten Communities und den drohenden Verlust der Versandhandelskunden erkannte, erfand es sich als Online-Anbieter von Video-Streaming neu. Diese Entscheidung wurde damals heftig kritisiert. Heute verfügt Netflix über genug Daten zu den Benutzerpräferenzen, um seinen 75 Millionen Mitgliedern in 190 Ländern unmittelbare personalisierte Filmempfehlungen anzuzeigen. Die Strategie – die wie der Pionier eBay auf dem Boden des innovativen Gedankenguts der 1990er Jahren gewachsen ist – wird durch Empfehlungsalgorithmen angetrieben, die das Fernsehverhalten der Mitglieder analysieren..

Allerdings berücksichtigen diese Empfehlungen heutzutage nicht mehr nur, was sich die Mitglieder auf Netflix ansehen. Netflix kann nun auch andere Datenquellen anzapfen, z.B. Facebookund Twitter-Daten, um die Interessen der Mitglieder zu ergründen. Hat ein Mitglied beispielsweise Automobilunternehmen auf Facebook mit „Gefällt mir“ gekennzeichnet und folgt Automobilunternehmen auf Twitter, dann empfiehlt Netflix unter Umständen Filme über Automobilpioniere bzw. mit Verfolgungsjagden. Netflix analysiert dazu nicht nur eigene Daten, sondern auch Daten von Communities, zu denen die einzelnen Mitglieder gehören. Diese Technik wird bei allen Arten von Marketing eingesetzt. (Siehe „Werbung wird persönlich“ auf S.50)

HYPER-MÄCHTIGE COMMUNITIES

Hypervernetzte Communities wie bei Netflix sind ein großer Segen für die Zusammenarbeit und Innovation auf Unternehmensebene. Die Entwicklerteams in innovativen Unternehmen verstehen und nutzen die Macht der Hyperkonnektivität, um die Wünsche der Community- Mitglieder zu entdecken und Produkte und Services entsprechend anzupassen. So können sie das richtige Angebot zur richtigen Zeit machen. (Siehe „Die Stimme der Erfahrung“ auf S.52)

Im komplexen Gesundheits- und Medizinmarkt kaufte IBM kürzlich für 2,6 Milliarden US-Dollar Truven Health, dessen Big Data aus 200 Millionen medizinischen Akten und Daten die Datenschatztruhe von IBM weiter anreichern. Damit wachsen die Möglichkeiten der Analyse von digitalen Bilddaten – z.B. anonymisierte Röntgen- und MRTAufnahmen – und damit für IBM die Chance auf neue Erkenntnisse. Die Analyse ist genauso einfach wie die von Textdaten.

„Wir können unsere Datensätze kombinieren – darunter eine der größten demokratisierten Datenbanken überhaupt – mit Daten aus elektronischen medizinischen Akten von Phytel und Truven, Versicherungsdaten, Bildgebungsdaten, genetischen Daten und medizinischen Gesundheitsdaten – und wir können alle diese Daten analysieren“, sagte Deborah DiSanzo, General Manager von IBM Watson Health in einem Interview mit Fortune im Februar 2016 nach Verkündigung des Deals.

Genauso wie GE seinen Großkunden nun Analyse-Software anbietet, sieht IBM eine Chance, nicht nur Computer und Services zu vermarkten, sondern auch neuen Kunden Gesundheitsdaten anzubieten, die Interesse daran haben, diese in verwertbare Erkenntnisse umzuwandeln. Es handelt sich dabei um ein neues, hypervernetztes Geschäftsmodell, wie es von Google und Facebook eingeführt worden ist. Google begann als einfache Suchmaschine, Facebook als pures soziales Medium; heute verfügen beide Unternehmen über Billionen von Daten über die Aktivitäten ihre Benutzer, die sie zu einem Produkt zusammenfassen, das an andere Unternehmen vermietet wird: Diese zahlen für das Recht der Datenanalyse.

THEMA BEI VORSTÄNDEN

„Viele Unternehmen haben es bereits erkannt: Die Vernetzung transformiert die Ökonomie der Innovation“ sagt Michael Schrage, Visiting Fellow beim MIT (Massachusetts Institute of Technology) Center for Digital Business und Autor von Serious Play, einem Buch über digitales Simulieren und Prototyping. „Die Fachleute in der Forschung und Entwicklung experimentieren und skalieren nicht mehr alleine vor sich hin. Sie senden visuelle Darstellungen [Daten plus Bilder] der Modelle an Communities von Entwicklern, Kunden und Kollegen. Dies bedeutet: Man entwickelt gemeinsam. Das ist die neue Ökonomie der Skalierung.“ (Siehe „Expertenmeinung“ auf S.56)

„FÜR JEDE PHYSIKALISCHE ANLAGE, DIE WIR GLOBAL BESITZEN, BETREIBEN WIR EINE VIRTUELLE KOPIE IN DER CLOUD. DIE DAZU BENUTZTE SOFTWARE WIRD MIT JEDER SEKUNDE REICHER AN OPERATIONALEN DATEN.“

COLIN PARRIS VICE PRESIDENT, SOFTWARE AND ANALYTICS, GE

Hypervernetzte Online-Communities machen verschiedenste Projekte möglich, die vorher undenkbar waren, so Karalee Close, Geschäftsführerin Digital, Big Data and Advanced Analytics in Healthcare, Boston Consulting Group in London. Sie nennt als Beispiel PatientsLikeMe.com. Dabei handelt es sich um eine Community, die von zwei Brüdern aufgebaut worden ist. Der dritte Bruder leidet an amyotropher Lateral-sklerose (ALS), auch Lou-Gehrig-Syndrom genannt. Die beiden Brüder suchen nach einer Heilmethode. Angetrieben von der Überzeugung, dass viele Menschen ein Problem schneller lösen als einer allein – entsprechend dem Prinzip der parallelen Datenverarbeitung – bauten sie Kontakt zu anderen Erkrankten mit der gleichen Diagnose, aber auch zu Forschern auf.

„Diese Community tauscht Daten aus und verkauft diese zurück an Pharmaunternehmen, die die Daten zu Forschungszwecken verwenden“, sagt Close. „Dies erhöht wiederum die Bereitschaft der Menschen, weitere Daten preiszugeben.“

MAN WEISS BESCHEID, IST ABER SELBSTGEFÄLLIG

Die hypervernetzte Wirtschaft gerät in Schwung. Forscher haben jedoch festgestellt, dass bei den Unternehmensleitungen, die die Wichtigkeit erkannt haben, und denjenigen, die tatsächlich danach handeln, eine erhebliche Lücke klafft.

Laut dem Bericht „Hyperconnected Organisations: How Businesses are Adapting to the Hyperconnected Age“ von The Economist Intelligence Unit in 2015 gaben 59% der 561 befragten Vorstandsmitglieder an, dass fehlende Anpassung an Hyperkonnektivität für ihre Organisation die größte Gefahr darstellt. Trotzdem gab nur ein Fünftel (19%) der Umfrageteilnehmer an, dass das Unternehmen mit Blick auf Hyperkonnektivität grundsätzlich umorganisiert werden muss, und nur knapp die Hälfte führen Mitarbeiterschulungen mit Blick auf digitale Fähigkeiten durch.

Laut Schrage vom MIT kann ein Unternehmen jedoch ohne grundsätzliche Struktur- und Managementänderungen nicht zu einem hypervernetzten Unternehmen werden. In einem Unternehmen müssen die Mitarbeiter z.B. Zugriff auf Unternehmensdaten erhalten und geschult werden, mit Blick auf Datenrecherche und -interpretation. Sie müssen auch wissen, wie ihre eigene Arbeit und Vorgehensweise neu zu definieren sind. Informationen müssen demokratischer verteilt und allen Mitarbeitern des Unternehmens als Basis zum Handeln dienen.

59%

Anteil der Vorstandsmitglieder, die gemäß einer Studie von The Economist Intelligence Unit glauben, dass fehlende Anpassung an Hyperkonnektivität die größte Gefahr für ihr Unternehmen darstellt.

„Technologie ist nur ein Puzzlestück einer hypervernetzten Community“, stellt Schrage fest. „Die Firmen müssen die Mitarbeiter und Anwender in diese neuen Denkweisen einführen. Bei der „Skill“-isierung geht es um die Schaffung neuer Fähigkeiten bei den Anwendern und Communities. „Skill“-isierung bedeutet eine Steigerung des Humankapitals.”

Wie GE schaffen es Unternehmen, die bei dieser „Skill“-isierung der Mitarbeiter und der Community mit Blick auf die fundamental neuen, durch Hyperkonnektivität ermöglichten Arbeitsweisen erfolgreich sind, das gute Leben zu den Menschen zu bringen - und zu den Dingen. Dies schafft beispiellosen Mehrwert und neue Chancen. Der schnelle Aufwärtstrend bei der Vernetzung von Menschen, Dingen und Communities ist nicht nur ein technologischer Trend – er ist eines der bestimmenden Merkmale dieses Zeitalters. Daher überrascht nicht, dass Unternehmen aller Größen die hypervernetzte wirtschaftliche Revolution gleichzeitig als größte Herausforderung . . . und größte Chance wahrnehmen. ◆

von Mary Gorges Zurück zum Seitenbeginn
von Mary Gorges

IT Analyst Ray Wang über die Änderungen der Geschäftsmodelle, hervorgerufen durch die digitale Transformationhttp://bit.ly/DigitalBizModel