COMPASS MAGAZINE #10
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DIE STIMME DER ERFAHRUNG Eugene Kaspersky, Vorstandsvorsitzender und CEO, Kaspersky Lab

Eugene Kaspersky, Vorstandsvorsitzender und CEO von Kaspersky Lab, hat für seine technologischen, wissenschaftlichen und geschäftlichen Erfolge zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen erhalten. Kaspersky Lab hat sich auf Antiviren- und Internetsicherheitssoftware spezialisiert und ist in über 200 Ländern vertreten.

Gegenwärtig können Kriminelle jedes System hacken, wenn sie das wollen und genügend Geld zur Verfügung haben. Die meisten IT-Sicherheitslösungen können noch keinen ausreichenden Schutz gegen diese Angriffe bieten. Der Wert der Informationen ist um ein Vielfaches höher als die Kosten für deren illegale Beschaffung.

Woher weiß man, ob die Hacker schon eingedrungen sind? Das kommt auf die Art des Angriffs an, darauf, wie ange­strengt man sucht und wie viele Teile des Puzzles man schon hat.

Gewöhnliche Massenangriffe von Cyberkriminellen können wir leicht erkennen, weil wir auf vielen Millionen Computern weltweit Sensoren dafür haben. Doch wenn es sich um einen direkten Angriff oder um Spionage handelt, entdecken wir dies vielleicht teilweise, aber wir sehen nicht das ganze Ausmaß.

Die Kriminellen wissen, welche Sicherheits- und Antivirusprogramme bei ihren Opfern im Einsatz sind, weil sie oft mehrere Anläufe benötigen, um in das System eindringen zu können. Bei einem erfolgreichen Angriff auf eine begrenzte Anzahl von Opfern erfahren wir wahrscheinlich nicht, dass sie infiziert sind. Die Opfer wissen ebenfalls nichts davon und werden es wohl auch nie erfahren.

Manchmal entdecken wir über Jahre hinweg schädliche Software, sehen aber nicht das Gesamtbild, was diese Software anrichtet. Im Jahr 2012 haben unsere Analysten von einem groß angelegten Spionageangriff namens „Roter Oktober“ berichtet. Es stellte sich heraus, dass wir die meisten dieser Malware-Komponenten schon vor geraumer Zeit entdeckt, aber nicht erkannt hatten, dass diese alle zum selben Projekt gehörten.

„MODERNE IT-SYSTEME SIND WIE EIN AIRBUS ODER EINE BOEING, DIE EINEN MOTOR AUS ZEITEN DER GEBRÜDER WRIGHT BESITZEN.”

EUGENE KASPERSKY VORSTANDSVORSITZENDER UND CEO, KASPERSKY LAB

Irgendwann kam das betroffene Unter­nehmen auf uns zu und sagte: „Wir sind das Opfer eines erfolgreichen Spionageangriffs geworden und zwar vom Roten Oktober.“ Und dann haben wir die Pixel zu einem Gesamtbild zusammensetzen können. Aber davor war uns das nicht in den Sinn gekommen.

Was sich enorm verändert hat, ist die bloße Anzahl der Angriffe. Vor zehn Jahren gab es pro Monat hunderte neuer Viren. Heutzutage ist bei täglich über 100.000 neuen Schad­programmen eine menschliche Analyse überhaupt nicht mehr machbar. Uns fehlen die Mittel, um jeden Angriff zu untersuchen. Wir vertrauen daher auf automatisierte Systeme, die schädliche Dateien analysieren und klassifizieren.

Leider wurden die auf unseren Rechnern vorhandenen Technologien vor 20-30 Jahren entwickelt, noch bevor es das Internet gab. Wir brauchen andere Betriebssysteme, sichere Betriebs­systeme, Systeme mit Ablehnung als Standardeinstellung. Bis es die gibt, empfehlen wir allen, so viele Maß­nahmen zu ergreifen, dass man besser geschützt ist als der Nachbar. Denn wie heißt es so schön: Wenn Sie vor einem Bären flüchten, müssen Sie nicht schneller sein als der Bär, sondern nur schneller als der andere. Seien Sie schneller. Sie haben keine andere Wahl.◆

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