COMPASS MAGAZINE #10
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DISRUPTIVE WIRKUNG AUF DEN ARBEITSMARK Globale Ökonomen prognostizieren wirtschaftliche Turbulenzen, gefolgt von beschleunigtem Wachstum

Trägt die Digitalisierung der Wirtschaft zu einer Verlängerung der globalen ökonomischen Trägheit bei? Viele Ökonomen sind davon überzeugt, und Stephen Koukoulas von der australischen Beratungsfirma Market Economics ist ein lautstarker Fürsprecher dieser Theorie. Compass sprach mit Koukoulas über die Gefahren und Vorteile der Beseitigung wirtschaftlicher Ineffizienzen.

COMPASS: Wie beschreiben Sie die Stimmung der Unternehmen, mit denen Sie arbeiten, mit Blick auf die disruptiven digitalen Technologien? Sind die Unternehmen eher gespannt oder eher nervös?

STEPHEN KOUKOULAS: Disruptive digitale Technologien haben Gewinner und Verlierer. Die Gewinner gehen bei der Implementierung der geschäftlichen Strategien schnell und agil vor. Bei den Firmen, die die nächste große Idee umsetzen wollen, gibt es eine intensive Konkurrenz. Die größte Angst ist, dass irgendein neues Unternehmen mit einem neuen Geschäftsmodell schneller ist; damit steigt auch das Risiko einer zu frühen Umsetzung von Plänen. Für die lang etablierten Firmen ist die Zukunft problematisch. Manche wollen es nicht wahr haben. Sie suchen nach juristischen bzw. anderen regulatorischen Hindernissen, um neue revolutionäre Unternehmen abzubremsen, statt für einen Wandel offen zu sein. Der Einzug der disruptiven Unternehmen hat sie in der Regel überrumpelt.

Sehen Sie als Ökonom einen Zusammenhang zwischen disruptiven digitalen Technologien und der Trägheit der globalen Wirtschaft? Können Sie diesen Zusammenhang erklären?

SK : Sie tragen auf jeden Fall dazu bei. Auf der einen Seite ist ein Gelegenheitsarbeiter nicht besonders optimistisch über seine finanzielle Situation. Der Anteil der Arbeitnehmer mit normalen Arbeitszeiten und mit regelmäßiger Bezahlung sinkt, und mehr Menschen werden unregelmäßig bezahlt und haben weder Urlaubsgeld, noch eine Krankenversicherung usw. Das führt zu dem von mir so genannten „vor- sichtigen Verbraucher“. Auch mit niedrigen zinsen und einem vernünftigen wirt- schaftlichen Wachstum geben diese Verbraucher weniger aus als früher. Sie sparen mehr und nehmen weniger Schulden auf. Es handelt sich also nicht um ein von Verbrauchern angeführtes Wirtschaftswachstum wie bisher.

PROFILE 

Stephen Koukoulas ist Geschäftsführer bei Market Economics, einer wirtschaftlichen Beratungsfirma für Unternehmen in Canberra, Australien. Er arbeitet mit Dun & Bradstreet, The Guardian und verschiedenen anderen Unternehmen an großen, übergeordneten wirtschaftlichen Fragestellungen.

Von 2010-2011 war er leitender Wirtschaftsberater des Minister- präsidenten in Australien. Davor arbeitete er in London als globaler Direktor, Research and Strategy bei TD Securities. Er war außerdem 10 Jahre lang leitender Ökonom und dann Chefökonom bei der Citibank Australia und Chefstratege bei TD Securities in Sydney.

Disruptive digitale Technologien wirken sich auch deutlich negativ auf geschäftliche Investitionen aus. Uber-Fahrer müssen anders als herkömmliche Taxiunternehmen z.B. nicht in neue Fahrzeuge investieren. Sie benutzen den eigenen Wagen, der sonst nicht ausgelastet wäre und 23 Stunden am Tag auf der Straße parkt. Nicht ein Cent wird für eine Kapitalinvestition gebraucht, obwohl zurzeit die Zahl der Fahrer rasch steigt. Ein ähnlicher Fall ist Airbnb. Wohnungen, die vielleicht sonst ein halbes Jahr leer stehen würden, werden nun von Touristen genutzt, und es fallen keine neuen Investitionen in Hotels oder andere Unterkünfte an. Dies zeigt, dass es in einigen Wirtschaftssektoren verborgene Hohlräume gab. Diese verhindert Kapitalinvestitionen und das Wachstum des gesamten BIP. Das ist eine weitgehend unsichtbare Belastung der Wirtschaft.

Ist die beträchtliche digitale Disruption, die wir beobachten, ein zweischneidiges Schwert?

SK : Aus der ökonomischen Perspektive sind Uber und Airbnb gut für Effizienz, gut für den Aufstieg neuer Unternehmen im Markt und gut für Verbraucher, die weniger für Transport und dergleichen bezahlen müssen. Und bisher nicht voll genutzte Ressourcen, also z.B. Fahrzeuge und Wohnungen, werden nun genutzt bzw. vermietet. Wenn Sie aber ein Hotel oder ein Taxiunternehmen besitzen, verlieren Sie Kunden und müssen Ihre Preise senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dies hat Auswirkungen auf die Makroökonomie, da Inflationsdruck entsteht, wenn die Gesamtleistung der Wirtschaft nachlässt.

„DISRUPTIVE DIGITALE TECHNOLOGIEN WIRKEN SICH DEUTLICH NEGATIV AUF GESCHÄFTLICHE INVESTITIONEN AUS. ES HANDELT SICH UM EINEN ÜBERWIEGEND UNSICHTBAREN KLOTZ AM BEIN DER WIRTSCHAFT.”

STEPHEN KOUKOULAS GESCHÄFTSFÜHRER, MARKET ECONOMIS GESCHÄFTSFÜHRER

Welche Auswirkungen haben disruptive digitale Technologien auf Arbeitsplätze?
 
SK : Es geht nicht nur um die Zahl der Arbeitsplätze, vielmehr wandelt sich die Art der Arbeit. Bisher haben sich die Arbeitnehmer zu normalen Arbeitszeiten im Unternehmen eingefunden, arbeiteten Vollzeit und hatten bezahlten Urlaub, Krankengeld und Renten. Nun beobachten wir eine Prekarisierung des Arbeitsmarktes: Arbeitnehmer übernehmen Einzelaufträge und werden nur bezahlt, wenn sie arbeiten. Daher ist es für die Betroffenen sehr viel schwieriger z.B. ein Haus zu kaufen oder sogar nur ein Darlehen aufzunehmen.

Prekäre Arbeit bedeutet, dass die Arbeitnehmer noch stärker vom wirtschaftlichen Zyklus abhängig sind als zuvor. Ist die Wirtschaft schwach, haben die Arbeitnehmer weniger Arbeit und arbeiten weniger Stunden. Bisher waren wenigsten einige Arbeitnehmer vor dem wirtschaftlichen Zyklus geschützt, wenn eine Firma sie trotz schwacher Konjunktur nicht entlassen hat.

Würden Sie uns einen Eindruck geben, wer von dieser disruptiven Entwicklung profitiert und wer nicht?

SK : Aus der wirtschaftlichen Perspektive sind Airbnb, Uber usw. fantastisch, da die Verbraucher weniger bezahlen und bestehende Infrastruktur wie unbenutzte Fahrzeuge und leer stehende Wohnungen benutzen. Dies wirkt sich großartig auf die Produktivität aus, der Übergang ist aber schwierig. Viele Menschen z.B. Bankkaufleute werden arbeitslos, da alles über Internet-Banking läuft. Bisher mussten wir zur Bank gehen, um eine Überweisung zu veranlassen, und der Bankkaufmann hat das Formular ausgefüllt. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in einer Bank war. In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der Bankkaufleute um 75% gefallen. Für Bankkaufleute muss aber nicht alles negativ sein: Wenn die Wirtschaft vernünftig wächst, können sie eine andere Arbeit finden.

Es gibt Leute, die sagen, dass der Übergang zu einigen disruptiven digitalen Technologien bereits in der industriellen Revolution begann - mit Fertigungslinien in der Automobilindustrie. Die Automobilproduktion ist mittlerweile noch viel stärker automatisiert worden… und Fahrzeuge werden nun oft mit Robotern gebaut.

Was muss man tun, um wettbewerbsorientiert und relevant zu bleiben?

SK : Flexibilität ist entscheidend wichtig. In Australien wird die Finanzierung des Bildungswesens heftig diskutiert – vom Kindergarten bis zur Universität.
Diese Debatte reicht sogar bis zur Umschulung von 40- bis 50-jährigen Produktionsarbeitern, die ihren Arbeitsplatz wegen neuer Technologien verlieren. Die Gesellschaft muss diese Leute umschulen, statt sie ihrem Schicksal von chronischer Arbeitslosigkeit zu überlassen. Ein 50-jähriger Mann, der in der Fertigung gearbeitet hat, muss umgeschult werden – nicht zu einem Technik-Guru, aber zu einem Facharbeiter in einem anderen Industriezweig: Hier muss mehr investiert werden. Die große Frage ist: Wie schaffen wir ein System, in dem obsolete Arbeiter nicht 20 Jahre lang arbeitslos bleiben?

Gibt es Silberstreifen am Horizont? Hat die Umstellung auch gute Seiten?

SK : Der technologische Fortschritt ist fantastisch und den rasanten wirtschaftlichen Wandel hautnah mitzuerleben ist sehr spannend. Unser Leben wird sich zum (noch) Besseren wenden. Natürlich gibt es auch Verlierer. Ich glaube, dass die Entscheidungsträger eine riesengroße Verpflichtung haben, sich um diese Verlierer zu kümmern. Es sollte die Gelegenheit zu einer Umschulung geben, wenn diese sich in einer Industrie befinden, die von der Technik überholt wird. Diejenigen, die von dem Wandel profitieren, werden jedoch zu einer hochproduktiven, effizienten Wirtschaft gehören, die nach vorne sieht. ◆

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von Mary Gorges