COMPASS MAGAZINE #10
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EXPERTENMEINUNG Kreativer gemeinschaftlicher Konsum

Mein Sohn gibt einem Foto den letzten Schliff. Er fügt Farbfilter hinzu, grafische Overlays, Struktur, Text – und eine filigrane Insignie, die ihn als Urheber ausweist. Mit einem Fingerstreich schickt er das Kunstwerk in die „Digi-Sphäre“, und innerhalb von Sekunden erhält er durch das erste „Ping“ seine Bestätigung. Er ist gut.  Das sagt ihm sein soziales Netzwerk. Und er ist erst 13. 

Bald wird mein Sohn zu einer Käufergeneration gehören, die mit „Kundenerlebnis“ etwas völlig anderes verbindet. Ihre Gehirne und ihre Welt – das heißt das Gehirn und die Welt eines jeden Einzelnen – sind in einer Endlosschleife aus Geben und Machen gefangen: Die Umwelt prägt unsere Gehirne, neuronale Verbindungen entstehen und diese beeinflussen, wie wir die Welt erleben. Digitale Technologien und der Einfluss sozialer Medien verändern die Vernetzung unserer Gehirne. Folglich muss sich auch die Art und Weise, wie wir kommunizieren und wie Marken und Händler mit uns Kontakt aufnehmen, verändern. 

Die Basis aller Beziehungen, die aus direkter Interaktion besteht, bröckelt, weil wir immer häufiger über Bildschirme als von Angesicht zu Angesicht miteinander kommunizieren. Direkte, empathische Beziehungen werden immer seltener. Ganz so fürchterlich ist diese Erkenntnis nicht, denn es kommt etwas Neues hinzu – die Bestätigung, die wir für Dinge erhalten, die wir zumindest in Teilen selbst geschaffen haben.

Bis vor Kurzem erfolgte der Informations- austausch zwischen Marken und Kunden nur in eine Richtung – ausgehend von den Marken über das Marketing und Werbekanäle zu den Menschen, die die Produkte und Dienstleistungen kauften. In der digitalen Welt wird der Austausch in die entgegengesetzte Richtung immer wichtiger, nämlich ausgehend von den Kunden, die ohne Unterlass digitale Inhalte erzeugen und in das System laden. 

Heutzutage halten wir unsere Erfahrungen in flüchtigen Momenten fest und schaffen eine Marke des eigenen ICHs. ICH ist eine Marke, die nicht auf einer breiten demo- grafischen Entwicklung basiert, sondern auf meinen speziellen Vorlieben. Für die langfristige Überlebensfähigkeit der ICH- Marke ist die ständige Schaffung neuer „Produkte“ unerlässlich, ähnlich wie bei den Händlern, die den Wunsch ihrer Kunden nach Originalität und Zugehörigkeit erfüllen wollen. In diesem Zuge, werden all die ICH-Marken – das sind Milliarden – zu unglaublich guten Vermarktern; zu Experten, wenn es darum geht, was sie verkaufen können und was ihnen verkauft wird. Da sie selbst gute Vermarkter sind, kann eine ganze Generation von ICHs traditionelle Marketingstrategien problemlos durchschauen. 

Wie bleibt man da attraktiv? Indem man die Beziehungen zu seinen Kunden so ausbaut, dass Inhalte, die von Kunden erstellt wurden, zu einem Teil des Einkaufserlebnisses werden. Dieses Ver- fahren, auch als „kreativer gemein- schaftlicher Konsum“ bezeichnet, wird zukünftig ein wichtiger Bestandteil des Einzelhandelswettbewerbs sein. Marken und Händler werden das Einkaufserlebnis gemeinsam mit den Kunden gestalten. Sie werden Originalität bieten, indem sie den Kunden ermöglichen, das Einkaufserlebnis ihren persönlichen Vorlieben anzupassen. ◆

 

„DIGITALE TECHNOLOGIEN UND DER EINFLUSS SOZIALER MEDIEN VERÄNDERN DIE VERNETZUNG UNSERER GEHIRNE.“

DAVID KEPRON AUTOR UND CREATIVE DIRECTOR, BRAND EXPERIENCE STUDIO, LITTLE DIVERSIFIED ARCHITECTURAL CONSULTING
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von David Kepron

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