COMPASS MAGAZINE #10
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EXPERTENMEINUNG Das Internet der Dinge: Der normale Geschäftsbetrieb gehört der Vergangenheit an

In den letzten 30 Jahren bestand die Aufgabe des Internets darin, den Menschen Informationen zugänglich zu machen. In den kommenden 30 Jahren wird es darum gehen, Menschen, Daten, Prozesse und Maschinen – von Städten über Autos bis zu Wearables – mit Informationen zu verbinden.

Dieser leichte, aber tiefgreifende Wandel wird das Spielfeld, auf dem sich Unternehmen bewegen, drastisch verändern:
Das Internet der Dinge (IoT, Internet of Things) wird sich auf Hersteller und nahezu jede Art von Unternehmen auswirken. Das Geschäftsmodell von Herstellern basiert nicht mehr nur auf dem Produkt selbst, sondern auf der Software, die dahinter steckt, auf den anderen intelligenten Geräten, mit denen es kombiniert werden kann, und auf den Kundenerlebnissen, die diese Kombination aus Software, Konnektivität und Kollaboration ermöglicht. Stellen Sie sich vernetzte, intelligente Maschinen vor, die miteinander kommunizieren, um Prozesse automatisch zu optimieren, oder neue Möglichkeiten in der Automatisierung (z.B. autonome Autos, Züge, Flugzeuge und Schiffe), intelligente Überwachungs- und Sicherheitstechnik oder Maschinen, die Menschen bei der Hausarbeit helfen.

RISIKEN UND CHANCEN

Mit Software gespickte Produkte, die mit dem IoT verknüpft sind, schaffen die Voraussetzungen für Angebote, die:

• sich schnell wandeln können, dank automatischer Software-Updates über das Internet;
• sich mit ihrer Umwelt und der Herstellerfirma verbinden und so den ständigen Dialog zwischen Produzent, Gerät und Verbraucher ermöglichen;
• Abfall reduzieren und den betrieblichen Nutzen durch Selbstdiagnose und Selbstheilung, verbesserte Mensch-Computer-Schnittstellen und reaktionsfähige Automatisierung erhöhen.

Chancen bergen aber natürlich auch immer Kosten und Risiken. Viele traditionelle Produzenten werden sich bei ihrer Transformation in Hightech-Unternehmen innerhalb der sich schnell wandelnden Märkte schwer tun. Viele Unternehmen begehen dabei Fehler, weil sie wenig oder gar keine Erfahrung mit Software haben. Häufig wurden sie von ihren Zulieferern mit Software-Komponenten versorgt, aber heutzutage reicht das nicht mehr aus. Hersteller müssen nämlich auch die „Systeme der Systeme“ verstehen, um unerwartete Nebenwirkungen zu vermeiden.

Jede Branche muss aus den Fehlern der Vorreiter lernen; das ist in der Automobilindustrie am offensichtlichsten. Infotainment-Systeme sind schon heute ein wesentliches Kaufkriterium für Verbraucher, aber die Herstellermussten erst auf die harte Tour lernen, dass diese Systeme vor Hackerangriffen zu schützen sind. BMW, GM und Mercedes-Benz waren bereits Opfer von Hackern, die deren RemoteLink Apps für Smartphones geknackt haben. Fiat Chrysler musste eine Rückrufaktion starten, weil das Infotainment-System es den Hackern ermöglichte, die Kontrolle über das Fahrzeug zu erlangen.

RAT DES EXPERTEN

Diese unter Fachleuten wohlbekannten Sicherheitsverstöße infolge fehlerhafter Software, die solche Angriffe nicht abwehren kann, werden sich leider zwangsläufig wiederholen, wenn sich Hersteller in anderen Branchen übereilt ihr Stück des IoT-Marktes sichern wollen. Um diese Fehler zu vermeiden, müssen sich alle Unternehmen im Klaren sein, dass sie dabei sind, sich in Software-Firmen zu verwandeln. Das IoT wird nur den Einsatz erhöhen. Die Software-Sicherheit muss als Grundpfeiler eines sicherheitskritischen Systems betrachtet werden und von Beginn an in das Design einfließen.

Unternehmen, insbesondere im Maschinenbau, können von der Arbeit der IT-Experten profitieren, die ALM-Tools (Application Lifecycle Management) entwickelt haben, mit denen sich die Zuverlässigkeit und Sicherheit von Software verbessern lässt. ALM umfasst unter anderem Projekt-, Bedarfs-, Test- und Release-Management, wobei die Rückverfolgbarkeit und Transparenz im Verlauf eines Software-Projekts in Echtzeit sichergestellt sind. In einem regulierten Umfeld ist die Rückverfolgbarkeit der ursprünglichen Anforderungen sowie die Information, welche Veränderungen durch wen und wann vorgenommen wurden, unverzichtbar Die Integration von ALM in PLM-Systeme (Product Lifecycle Management) ist der nächste entscheidende Schritt, mit dem sich Software über alle technischen Disziplinen hinweg nachverfolgen lässt und wodurch Software-Innovationen zunehmen werden, weil sich ihre Komplexität besser bewältigen lässt.

DER WEG IN DIE ZUKUNFT

Die Technologie selbst kann auch ihren Teil beitragen. Beispielsweise verbauen Halbleiterhersteller Sicherheitselemente in ihren Chips, um tief eingebettete Sicherheitssysteme zu ermöglichen. Einige 3D-Drucker können ähnliche Sicherheitselemente direkt in die 3D-Ausdrucke einbetten. Doch noch wichtiger ist, dass sich die IoT-Akteure auf bestimmte Protokoll und Qualitätsstandards einigen, um ein reichhaltiges, heterogenes IoT-Umfeld zu erschaffen.

Die Möglichkeiten sind gegeben, um die Vision des IoT zu realisieren. Software kann zwar eine Herausforderung darstellen, aber wir müssen uns nur anschauen, wie weit wir schon gekommen sind, und werden dann erkennen, dass wir trotz der Hindernisse unsere Vision verwirklichen können.

PROFIL

Michael Azoff ist Chefanalyst bei der britischen Ovum Infrastructure Solutions Group und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Grundlagen- und angewandten Forschung und Beratung innerhalb der IT-Branche. Derzeit liegen seine Schwerpunkte auf der Softwareentwicklung und dem Lifecycle Management, agilen und DevOps-Prozessen, der Entwicklung mobiler IT-Systeme für Unternehmen und dem maschinellen Lernen.

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