COMPASS MAGAZINE #10
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PARADIGMEN- WECHSEL Warum bei der Fertigung wieder jeder mitmischen darf

Die Formel, nach der sich bislang entschied, auf welcher Seite des Pazifischen Ozeans Fertigungskapazitäten anzusiedeln sind, ändert sich gerade grundlegend. Nach der Öffnung Chinas vor einigen Jahrzehnten waren die Unterschiede bei den Personalkosten noch so hoch und die Transport- und Reiseanbindungen so viel besser als zuvor, dass damit eine Menge Geld zu verdienen war.

Die Personalkosten in Amerika waren dreißig bis hundert Mal höher. Die Produktion nach China zu verlagern, lohnte sich selbst dann noch, wenn man drei Mal so viele Leute benötigte wie zu Hause. Die Folge waren dramatische Preisverfälle bei Sportschuhen, Elektronik und vielen anderen Produkten. Amerikanische Arbeitsplätze wurden in großer Zahl nach Übersee verlegt.

Nun jedoch redet die politische Klasse in Amerika davon, wie der Slogan „Made in America“ sein Comeback geschafft habe. Der Grund dafür ist, dass die Arbeitskosten in China im Jahr 2011 um 30 Prozent nach oben gingen, 2012 um 25 Prozent. Das sind gigantische Anstiege, während die Arbeitskosten in den USA im selben Zeitraum ziemlich stabil blieben. Durch den Anstieg der Ölpreise stiegen auch die Transportkosten, und zwar just in dem Moment, als die Produktmargen sanken.

Deshalb kommen Produkte aus China, die früher typischerweise per Flugzeug transportiert wurden, heute mit dem Frachtschiff nach Amerika. Damit verbringen die Warenbestände nun fünf Wochen auf dem Wasser, und solch lange Transportzeiten sind kostspielig.

Zudem ist bei der Frage, ob man seine Fertigung in der Nähe seiner Entwicklungsprozesse halten sollte, ein Umdenken zu spüren. Zwar lautet die These, dass es vorteilhaft ist, noch nicht ausgereifte Produkte und Verfahren nahe am Entwicklungsprozess zu halten. Zwischen Labor und Werkhalle müssen viele Wege zurückgelegt, viele Entwicklungsschritte besprochen werden. In den vergangenen Jahrzehnten wurde dieses Problem üblicherweise dadurch gelöst, dass Mitarbeiter nach China flogen, was so genannte Koordinationskosten verursachte. Da sich die Faktoren jetzt jedoch verschieben, sind viele nicht mehr bereit, diese Kosten aufzubringen.

Ob es Apple immer noch damit ernst meint, wie angekündigt 100 Millionen US-Dollar für die Herstellung einer Produktreihe in den Vereinigten Staaten auszugeben, kann nur die Zukunft sagen. Das US-Unternehmen versucht hier durchaus, patriotisch zu handeln.

Doch zwischen „Made in the USA“ und „Assembled in the USA“, also der Montage im US-amerikanischen Heimatmarkt, besteht ein großer Unterschied. Es braucht Zeit und koordinierte Anstrengungen, um die Produktion vor Ort wieder aufzubauen. Die Regierung, der Bildungssektor und die Wirtschaft werden zusammenarbeiten müssen, um mehr qualifizierte Arbeitskräfte, eine bessere Infrastruktur sowie bessere Zuliefernetzwerke bereitzustellen. Erst wenn das geschafft ist, kann in den USA wieder eine neue Fertigungsindustrie aufblühen.

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von Willy C. Shih

WILLY C. SHIH, Professor an der Harvard Business School und ehemaliger Manager bei Eastman Kodak, IBM, und anderen US-Unternehmen, ist Co-Autor des Buches Producing Prosperity: Why America Needs a Manufacturing Renaissance.