COMPASS MAGAZINE #10
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AFRIKA IM AUFSCHWUNG Trotz anhaltender Schwierigkeiten wächst die Wirtschaft weiter

Aufgrund des Wachstums im Bergbau, der Bekleidungsindustrie und der Technologiebranche sowie einer aufkeimenden Mittelschicht zieht Afrika weiterhin Wirtschaftsinvestitionen an. Jedoch ist der Weg für die wirtschaftliche Entwicklung des Kontinents durch diverse Schwierigkeiten – angefangen bei mangelhafter Stromversorgung bis hin zu Missverhältnissen zwischen Einkommen und Bildung – ein sehr steiniger. 

In der nigerianischen Stadt Enugu im Südosten des Landes locken die Boutiquen im Polo Shopping Center mit Markenkleidung von Puma, Levi’s und Swatch tausende Kunden an. Das riesige Einkaufszentrum ist Teil der wachsenden Dienstleistungsbranche, dank der Nigeria im April 2014 einen Meilenstein verzeichnen konnte: ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 503 Milliarden US­-Dollar, womit das Land zur größten Volkswirtschaft Afrikas wurde. 

Nach Angaben der nationalen Statistikbehörde Nigerias entstanden 2013 in der wachsenden Dienstleistungs­branche – von Telekommunikation bis zu Filmproduktionen von „Nollywood“ – rund 1,1 Millionen Arbeitsplätze. Yemi Kale, der Leiter der Behörde, erklärte vor Journalisten, dass der Beschäftigungszuwachs das florierende Wirt­schaftsumfeld reflektiere. Doch er gab auch zu bedenken, dass „die Arbeitslosen­ und Unterbeschäftigungsrate noch relativ hoch ist“. 

Das kann man wohl als das Paradoxon des modernen Afrikas bezeichnen: Während das Wirtschaftswachstum des Kontinents mit durchschnittlich 4% im Jahr 2013 auf dem Höhenflug ist, entstanden dadurch leider nicht genug Arbeitsplätze, um die meisten Afrikaner aus der Armut zu führen. Nigerias BIP pro Kopf liegt beispielsweise immer noch bei nur 2.700 US­-Dollar und ist damit nicht mal halb so hoch wie in Südafrika. Viele Nigerianer haben pro Tag weniger als 1,50 US­-Dollar zur Verfügung.

„Trotz des beeindruckenden Wachstums hat sich die Wirtschaftsstruktur der meisten afrikanischen Länder südlich der Sahara im Verlauf der letzten 40 Jahre kaum weiterentwickelt. Sie ist gekennzeichnet durch eine unzureichend diversifizierte Exportbasis, eine begrenzte Industrialisierung, geringen technologischen Fortschritt und eine große Schattenwirtschaft, deren wirtschaftliches Potenzial meist unbemerkt bleibt“, so das Ergebnis einer aktuellen Analyse der Weltbank. „In vielen afrikanischen Volkswirt­schaften schrumpft der Anteil des produzierenden Gewerbes am BIP – doch genau dieser Sektor führte in Ostasien zu einem rasanten Wachstum.“ 

WACHSTUM OHNE BESCHÄFTIGUNGSZUWACHS 

Nach Aussage von Amadou Sy, Wirtschaftswissenschaftler aus dem Senegal und Mitarbeiter der Brookings Institution in Washington, DC, wurde Afrikas Wachstum größtenteils durch Rohstoffexporte, darunter auch Öl, Eisenerz und Gold, angetrieben.

„Das Wachstum hat keine Arbeitsplätze geschaffen“, sagt Sy. Die meisten Rohstoffunternehmen bräuchten laut Sy nicht viele Mitarbeiter und Afrika verfüge heutzutage sogar über weniger Fertigungsbetriebe als zum Ende der Kolonialzeit in den 1960ern.

Für Mthuli Ncube, Chefökonom der African Development Bank (AfDB) in Tunis, ist der Hauptgrund für die Unter­entwicklung der Fertigungsbranche die Tatsache, dass nicht genügend Strom erzeugt werden kann. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass aufgrund von Stromausfällen die Produktivität in einigen Ländern um 30% niedriger liegt“, sagt Ncube.

Aufgrund der Stromknappheit kündigte der CEO von General Electric (GE), Jeffrey Immelt, an, dass GE, einer der Top­-Anbieter von Stromerzeugungsanlagen, bestrebt sei, seinen Jahres­umsatz von 3 Milliarden US­-Dollar in den Ländern südlich der Sahara zu verdoppeln. Unterdessen verkündete der US-­amerikanische Präsident Barack Obama im Juni 2014, dass Investitionsgarantien und ­zuschüsse an sechs afrikanische Länder vergeben werden, mit denen Anlagen für die Gewinnung von zusätzlichen 10.000 Megawatt Strom entstehen sollen.

Doch Ncube nannte noch ein weiteres Problem am Produktionsstandort Afrika: die geringe Produktivität. Obwohl viele Afrikaner von nur einem US­-Dollar pro Tag leben, ist Ncube der Meinung, dass die Löhne in vielen afrikanischen Ländern höher sind, als die Leistung der Arbeiter rechtfertigt. Bezogen auf die Produktivität und ihre Leistung verdienen beispielsweise afrikanische Arbeiter mehr als die Fabrikarbeiter in Vietnam oder Bangladesch. „Dies alles treibt die Kosten nach oben und macht es für Investoren weniger attraktiv, ihre Produktion nach Afrika zu verlagern“, sagt Ncube. 

„DAS WACHSTUM HAT KEINE ARBEITSPLÄTZE GESCHAFFEN.“ 

Amadou Sy WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLER, BROOKINGS INSTITUTION

EINKOMMENS­UNTERSCHIEDE 

Zwar erwartet die AfDB, dass die ausländischen Investitionen in Afrika in diesem Jahr 84,3 Milliarden US­-Dollar – den höchsten Wert aller Zeiten – erreichen werden, doch der Großteil dieser Summe wird wohl in die Rohstoffindustrie fließen, wo eine niedrige Beschäftigungs­quote herrscht. 

Paradox daran ist, dass dadurch die Einkommensunterschiede immer weiter zunehmen. 

84,3 Milliarden US-Dollar

Die African Development Bank erwartet, dass im Jahr 2014 die ausländische Investitionen in Afrika 84,3 Milliarden US-­Dollar erreichen werden. 

Über 60% der Nigerianer leben noch heute in extremer Armut, während die Anzahl der nigerianischen Milliardäre in die Höhe schnellte. Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währ­ungsfonds, bemerkte erst kürzlich, dass zwar mehr als 30% der weltweiten Bodenschätze in Afrika liegen, die Ge­winne daraus allerdings „nur einigen wenigen zugutekommen“. 

Diese Diskrepanz hat zu einem dramatischen Ungleichgewicht zwischen Ländern und selbst zwischen verschiedenen Regionen innerhalb der Länder geführt. In Nigeria beispielsweise kommen im Nordosten weniger als 20% der Kinder in den Genuss einer höheren Schulbildung; im Süden, wo Geld aus dem Ölgeschäft für die Bildung eingesetzt wird, liege der Anteil bei 75%, erklärt Charles Robertson, Chefökonom der Londoner Maklerfirma Renaissance Capital. „Der Süden wird immer reicher werden und sich immer weiter vom Norden entfernen“, sagt Robertson.

Insgesamt verbessere sich nach Robertsons Meinung der Bildungsstand in den Ländern südlich der Sahara beträchtlich. „Wenn die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter jährlich um 3% wächst und anständig ausgebildet ist, wird zwangsläufig auch die Wirtschaft um 3% oder 4% pro Jahr wachsen“, meint Robertson. „Wenn dann noch die Produktivität steigt und Investitionen getätigt werden, kann man ein Wachs­tum von 6% bis 7% erwarten. Und genau das erleben wir gerade.“ 

ZWEI LICHTBLICKE 

Doch auch ohne Rohstoffe prosperieren einige afrikanische Länder. Äthiopien mit seinen 90 Millionen Einwohnern und Tausenden Hektar Baumwollfeldern ist beispielsweise zum führenden Bekleidungshersteller Afrikas geworden und verfügt über 60 Bekleidungs­ und 15 Textilfabriken. Das schwedische Modehaus H&M und Tesco aus Groß­britannien fahren bereits ihre Produktion in diesem Land hoch.

Afrika profitiert auch von seinen einheimischen Ingenieuren, die eine wettbewerbsfähige Computersoftware­industrie aufbauen. Eine ghanaische Firma mit dem Namen Dropifi, die Unternehmen bei der Erfassung von Kundenfeedback unterstützt, ist vor Kurzem in das Accelerator­Programm von „500 Startups“ aufgenommen worden und ins Silicon Valley nach Kalifornien umgezogen. Doch auch bei iHub in Kenia, bei Jozi Hub in Südafrika und bei Co-­creation Hub in Lagos, Nigeria, florieren die Software­-Unternehmen.

Es wird geschätzt, dass bis 2060 rund eine Milliarde Afrikaner zur Mittelschicht gehören werden, weshalb viele westliche Firmen ihre Verkaufsbemühungen auf dem Kontinent verstärken wollen. Coca-­Cola ist zum Beispiel der größte Arbeitgeber in Afrika. Nestlé hat 850 Millionen US­-Dollar investiert und hofft auf eine Verdopplung seines Jahresumsatzes in Afrika, der aktuell bei 3,6 Milliarden US­-Dollar liegt. Im Juli hat PSA Peugeot Citroën ange­kündigt, sein Fahrzeugmontagewerk in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, allmählich wiederanlaufen zu lassen. 

„WENN DIE PRODUKTIVITÄT STEIGT UND INVESTITIONEN GETÄTIGT WERDEN, KANN MAN EIN WACHSTUM VON 6% BIS 7% ERWARTEN. UND GENAU DAS ERLEBEN WIR GERADE.“ 

CHARLES ROBERTSON CHEFÖKONOM, RENAISSANCE CAPITAL, ÜBER DAS WACHSTUM IM SUBSAHARISCHEN AFRIKA

Laut einer Prognose der Ford Motor Company wird erwartet, dass der Fahrzeugabsatz im Nahen Osten und in Afrika bis Ende des Jahrzehnts um 40% steigt. Das Unternehmen hat im Juli zudem 17 neue Modelle speziell für das subsaharische Afrika angekündigt. Doch die Streiks im Bergbau, bei denen die Arbeiter Lohnerhöhungen von 12% bis 15% fordern, haben sich auch auf die Fahrzeugproduktion ausgeweitet. 

RÜCKKEHRER BRINGEN FÄHIGKEITEN MIT 

Westliche Unternehmen erschließen derzeit die gut entwickelten Ver­brauchermärkte von Ägypten im Norden, Südafrika im Süden, Nigeria im Westen und Kenia, Tansania und Uganda im Osten. Sobald sie auf diesen Märkten etabliert sind, werden sie auch in die Nachbarländer expandieren. 

Eine Schwierigkeit, vor der ausländische Firmen stehen, die in Afrika investieren möchten, könnte jedoch sein, qualifiziertes Personal für die Geschäftsleitung vor Ort zu finden. Viele haben bereits ihre Heimatländer auf der Suche nach afrikanischen Expatriates mit unter­nehmerischen Fähigkeiten durchkämmt und diese davon zu überzeugen versucht, als leitende Angestellte ihres Unter­nehmens nach Afrika zurückzukehren.

„Früher lief das anders“, sagt Sy. „Man schickte ein Team ausländischer Experten und nach ein paar Jahren gingen diese wieder zurück nach Frankreich oder Großbritannien. Das hat sich geändert und die Afrikaner machen jetzt viel mehr selbst.“

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von Charles Wallace

Charles Wallace, der fünf Jahre lang als Korrespondent in Afrika tätig war, lebt heute in New York und schreibt über das globale Finanzwesen.