COMPASS MAGAZINE #10
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BRIC - was kommt danach? Fachleute durchkämmen die Welt auf der Suche nach neuen aufstrebenden Märkten

Nach einem spektakulären zehnjährigen Höhenflug ebbt das Wirtschaftswachstum in den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) langsam ab und multinationale Konzerne wollen nun wissen, wo die nächsten Investmentchancen zu finden sind. Diverse Finanzanalysten haben versucht, potentielle Wachstumskandidaten herauszufiltern – doch so schnell wie diese Länderlisten erstellt sind, werden Regierungen gestürzt und neue Unsicherheiten aufgeworfen.

In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg hat sich in den Industrienationen der Begriff „Dritte Welt“ für arme, unter­entwickelte Länder festgesetzt. Der holländische Unternehmer Antoine van Agtmael hat 1981 für die vielver­spre­chendsten dieser Länder den Ausdruck „Emerging Markets“ (zu Deutsch: aufstrebende Märkte) geprägt und damit eine wahre Investitionswelle ausgelöst. Goldman Sachs hat 2001 den Begriff „BRIC-Staaten“ erfunden, der die Länder Brasilien, Russland, Indien und China umfasst.

Die BRIC-Staaten haben einen spektakulären Höhenflug erlebt, bei dem sie selbst die Wachstumsraten der reicheren Länder übertroffen haben und von gewaltigen Direktinvestitionen profitieren konnten. Einige Experten haben sogar vorhergesagt – was sich allerdings als zu optimistisch erwies – dass die BRIC-Staaten schon bald die Volkswirtschaften aller Länder Nord­-amerikas, Europas und Japans abhängen würden.

Heute machen alle vier BRIC-Staaten wegen wirtschaftlicher, finanzieller oder politischer Schwierigkeiten Schlagzeilen. In Brasilien hat die Unterschicht gegen die etablierte politische Führung aufbegehrt und das Wachstum verlangsamte sich. Russland ist zu einem autoritären Modell zurückgekehrt, das auf der Ausbeutung von Rohstoffen basiert. Indien konnte keine Reformen umsetzen, die zur Abwendung einer Finanzkrise erforderlich gewesen wären. Und Chinas Exportmaschinerie erhielt einen Dämpfer, bei dem die Wachstumsraten aus dem zweistelligen Bereich auf etwas moderatere, aber dennoch beeindruck­ende 7,5% gefallen sind.

Und so ist die Jagd eröffnet unter Geschäftsführern, Ökonomen und verschiedenen anderen nach einer glaubwürdigen Vorhersage, was nach BRIC kommt.

MIST UND CIVETS

Zwei der meistdiskutierten Listen vielver­-sprechender Volkswirtschaften – MIST (Mexiko, Indonesien, Südkorea und Türkei) und CIVETS (Kolumbien, Indonesien, Vietnam, Ägypten, Türkei und Südafrika) – enthalten Länder, die nicht so recht in das Profil eines „aufstrebenden Marktes“ passen. Südkorea ist beispielsweise bereits eine moderne Industrie und Techno­logie­nation, betrachtet man nur den Erfolg von Samsung Electronics, LG Haushalts­geräte und Hyundai Motors. Vietnam scheint nicht in der Lage zu sein, aus seinem zentra­l­isierten kommunistischen System aus­zubrechen. Ägypten befindet sich politisch wie sozial im Ausnahmezustand und Südafrika drohen der politische Stillstand sowie zunehmender Arbeit­er­not.

Obwohl man sich nicht einig ist, welche Länder auf der BRIC-Nachfolgeliste stehen sollten, zeigt sich, dass das Prinzip der billigen Arbeitskräfte, das die BRIC-Staaten zu wirt­schaftlichen Kraftpaketen gemacht hat, nicht mehr so attraktiv ist wie einst. „Ich glaube, es hat sich gezeigt, dass billige Arbeits­kräfte ein Risiko bergen, das niemand erwartet hatte“, sagt Michael Moran, Vizepräsident Globale Risikoanalyse von Control Risks, einer Londoner Beratungsfirma.

„DIE MÄRKTE BEGREIFEN ALLMÄHLICH INTUITIV, DASS DIE USA UND NORDEUROPA WIEDER WETTBEWERBSFÄHIGER WERDEN.”

ANTOINE VAN AGTMAEL SENIOR ADVISOR, GARTEN ROTHKOPF

„Jeder, von Apple in China bis zur Textil­-branche in Bangladesch, hat erkannt, dass dies zwar auf dem Papier toll aussieht, dass aber die fehlende Regulierung in der Realität enorme Nachteile hat.“ Zu den verborgenen Risiken zählen Korruption, lausige Sicherheitsstandards, Gesundheits und Menschenrechtsverletzungen sowie die Zerstörung der Umwelt. „Je weiter Sie von Ihrem eigenen Produktionsstandort entfernt sind, umso größer ist das Risiko, Ihren guten Ruf zu verlieren“, sagt Moran.
Tarun Khanna, Direktor des South Asia Institute an der Harvard University, stimmt zu, dass es Unternehmen allmählich leid sind, in Länder zu investieren, die nicht gut regiert werden. „Egal ob es sich um Arbeitskräfte oder um Milch handelt; alles was wir verbrauchen, gelangt über eine Kette von Menschen zu uns, die mit dem Produkt in Berührung kommen, und jeder dieser Menschen kann daran herumpfuschen“, mahnt Khanna, Co-Autor des 2010 erschie­nenen Buchs Winning in Emerging Markets: A Roadmap For Strategy and Execution. „Wir sind anfällig für Betrug, Lügen, Falschaussagen und kriminelle Machenschaften, solange es keine rechtlichen Instrumente dagegen gibt.“

SPEZIALGEBIETE

Khanna führt an, dass westliche multi­-nationale Konzerne ihre Bemühungen verstärken, Länder auszumachen und finanziell zu fördern, die über spezielles Fachwissen und vielversprechende Ideen verfügen, die auf dem globalen Markt gefragt sind. Dies ist ein zweites Prinzip der Post-BRIC-Ära.

Laut Khanna ist Indien auf dem Gebiet kostengünstiger Herzoperationen sehr innovativ; Südkorea ist führend in der Breitbandkommunikation; Brasilien ist bei der Entwicklung von Biokraftstoffen ganz vorn dabei; Kolumbien experimentiert mit drei Technologiezentren, um die Entstehung digitaler Unternehmen zu fördern; und Kenia ist Weltmarktführer auf dem Gebiet mobiler Bezahlsysteme.

„WENN MAN IN DER FINANZBRANCHE ODER ALS MOBILFUNKDIENSTLEISTER TÄTIG IST, WÄRE MAN VERRÜCKT, WENN MAN NICHT IN KENIA AKTIV WÜRDE.”

TARUN KHANNA DIRECTOR OF SOUTH ASIA INSTITUTE, HARVARD UNIVERSITY

Erstaunlicherweise erscheint Kenia auf keiner der führenden BRIC-Nachfolgelisten und möglicherweise verhindern unter anderem die Probleme, die das Land wegen des Terrorismus in Somalia hat, dass es je auf einer solchen Liste auftaucht. Doch Kenias Erfahrung mit mobiler Bezahlung beweist, wie ein Land in einer wirtschaftlich schwachen Region Ideen entwickeln kann, die internationale Aufmerksamkeit erregen.

Nur wenige Kenianer verfügen über ein Bankkonto – und diesen Zustand hat ein Mobilfunkunternehmen als Chance gesehen. „Um eine Kreditkarte zu bekommen, musste man zur Elite gehören, die Vermögenswerte im Ausland und Freunde bei der Bank besitzt“, erklärt Moran. Doch heutzutage kann dank des M-Pesa-Systems jeder, der ein Handy besitzt, Rechnungen bezahlen und Geld überweisen. „Das Mobilfunkunternehmen hat erkannt, dass es für die Banken dieselbe Funktion erfüllen kann wie Apple für die Musik­branche“, sagt er. „Es fungiert als Mittelsmann zwischen Banken und Kunden und öffnete vielen das Tor zu Geldgeschäften.“

Das M-Pesa-System (M steht für Mobil und Pesa heißt Geld auf Swahili) gilt als das weltweit fortschrittlichste mobile Bezahlsystem. „Wenn man in der Finanz­-branche oder als Mobilfunkdienstleister tätig ist, wäre man verrückt, wenn man nicht in Kenia aktiv würde“, sagt Khanna.

Mindestens zwei Länder in Ostasien, die noch als unbeschriebenes Blatt gelten, sollten nicht unerwähnt bleiben: Malaysia, das aufgrund seiner relativ stabilen politischen Lage, guter Sprachkenntnisse (Malaiisch, Englisch und Chinesisch) und der Entstehung international erfolgreicher Unternehmen boomt, und die Philippinen mit ihren guten Englischkenntnissen und den qualifizierten Arbeitskräften, die über schnelle Komm­u­-nikationswege gut erreichbar sind. Viele Back-Office und Call-Center-Dienstleistungen, die zuvor in Indien angesiedelt waren, wurden auf die Philippinen verlegt, weil man dort die amerikanischen Ausdrücke und kulturellen Besonderheiten besser versteht.

LATEINAMERIKA IM AUFSCHWUNG

Außer Brasilien hat der Rest Lateinamerikas den Weg zum Wohlstand noch nicht ge­-funden; zwei Kandidaten kämpfen seit mehreren Jahren darum, aus dieser Gruppe auszubrechen. Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos hat große Fortschritte im Kampf gegen Drogenkartelle und Aufstände gemacht und folglich seinem Land auslän­d­ische Investitionen in Rekordhöhe beschert. Dutzende Start-up-Unternehmen sind aus den Gründerzentren erwachsen. China zapft Kolumbiens Bodenschätze an und die Wachstumsrate hat sich bei rund 5% jährlich eingepegelt. Eine Mittelklasse bildet sich heraus.
Mexiko hat mit seinem Präsidenten Enrique Peña Nieto einen neuen Landes­-führer und setzt weitreichende Reformen durch, um die Monopolstellung des Staatskonzerns PEMEX im Ölgeschäft aufzubrechen, die Macht seiner quasi- monopolistischen Telefongesellschaft zu beschränken, das Bildungssystem des Landes zu reformieren und die Drogenkriminalität in den Griff zu bekommen. Es fließen weiterhin große Investitionen von US-amerikanischen Produzenten ins Land. „Mexiko hat eine echte Chance“, sagt Moran.

Egal wo westliche Firmen als nächstes investieren werden, sie machen sich mittlerweile ein drittes Prinzip zu eigen: Sie überdenken ihre Standortwahl gründ­licher als in der Vergangenheit. Anstatt Fabriken zu errichten, um einen einzigen aufkeimenden Markt zu bedienen oder Waren für Amerika zu fertigen, seien sie bemüht, integrierte regionale Knotenpunkte zu erschaffen, die kosteneffektiver sind, glaubt John Biagioni, Geschäftsführer von Viatran in Wheatfield, New York (USA), einem Anbieter von Druck- und Füllstands­-sensoren für die Automobil-, Luftfahrt-, Öl- und Gasbranche.

Im Laufe der Zeit ist Biagioni zu einer starken Stimme der Fertigungsbranche geworden, die Unternehmer mahnt, die Gesamtbetriebs­kosten ihrer Werke im Auge zu behalten. Früher basierten die Entscheidungen auf den Stücklohnkosten ohne Beachtung der hohen Fluktuationskosten für Personal, der Schulungskosten und Lohnsteigerungen, steigender Frachtkosten und Koordinierungs­kosten insgesamt. Biagioni drängt Hersteller, sich zu fragen: „Jagen Sie einem Ziel hinterher, oder verfolgen Sie eine Strategie, die Sie zu einem weltweit tätigen Produzenten mit langfristigem Erfolg macht? Ich glaube, dass immer mehr kluge Menschen erkennen werden, dass Produkte für eine bestimmte Region entwickelt, in dieser Region hergestellt und dort auch vertrieben werden sollten.“

DER WESTEN ERHOLT SICH

Erstaunlich ist, dass unter den Gewinnern der BRIC-Nachfolger auch die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Deutschland und Großbritannien sind. „Viele haben die Wettbewerbsfähigkeit von China und den anderen (BRIC-) Ländern überschätzt und dabei die der USA unterschätzt“, sagt van Agtmael, der jetzt als Senior-Berater bei Garten Rothkopf in Washington, D.C. (USA), einer Beratungsfirma für multi­nationale Konzerne, tätig ist. „Was wir heute erleben und was die Märkte allmählich intuitiv begreifen, ist die Tatsache, dass die USA und Nordeuropa wieder wettbewerbs­fähiger werden.“

Die von der Unternehmensberatung A.T. Kearney erstellte, neueste Rangliste Foreign Direct Investment Confidence Index bestätigt Agtmaels Beobachtungen. Daraus wird ersichtlich, dass die USA, die noch 2012 auf dem vierten Platz lagen, im Jahr 2013 an China vorbeigezogen sind und nun erstmals seit 2001 wieder Platz eins der bevorzugten Ziele für Investitionen der weltweit größten Unternehmen einnehmen. Kanada (2012 an 20. Stelle) und Mexiko (bisher nicht in der Rangliste vertreten) haben es beide in die Top Ten geschafft. Weitere Aufsteiger sind Frankreich, Japan, Spanien, die Schweiz und Polen. Argentinien und Chile, die in den Listen von 2010 und 2012 nicht auftauchten, sind nun auf Platz 22 bzw. 23 eingestiegen. Zu den Ländern, die zwar immer noch in den Top 25 zu finden sind, aber deutlich an Boden verloren haben, zählen Indonesien (2012 auf Platz 9, 2013 auf Platz 24) und Malaysia (2012 auf Platz 10, 2013 auf Platz 25).
Wie kam es dazu? Die Produktions- und Lohnkosten in China sowie die Transport­kosten in den Rest der Welt sind geradezu explodiert. Die verheerenden Brände in Textilfabriken in Bangladesch haben dem Ansehen der Einzelhändler, darunter der US-amerikanische Wal-Mart-Konzern und die schwedische Modekette H&M, schwer geschadet. Westliche Unter­nehmen erkennen mehr und mehr, dass Inno­vationen schneller entstehen können, wenn die „FeedbackSchleife“ zwischen Innovation und Produktion verkürzt wird.

Dies alles bedeutet, dass einige der nächsten heißen Märkte durchaus die alten heißen Märkte sein könnten – nämlich die etablierten Ballungszentren in Nordamerika, Europa und Ostasien.

Quelle: A.T. Kearney Foreign Direct Investment Confidence Index ® , 2013

von William J. Holstein Zurück zum Seitenbeginn