COMPASS MAGAZINE #10
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CROWDFUNDING Kleine Unternehmen beteiligen sich an neuem Online-Trend

Das sogenannte Crowdfunding, bei dem Existenzgründer online Kapital einwerben, hat während der weltweiten Wirtschaftskrise starken Zulauf erlebt. Doch altbekannte Geldgeber – einschließlich Business Angels und Risikokapitalgeber – sehen kaum Potenzial, das es zu einem wichtigen Teil des globalen finanziellen Wirtschaftssystems werden ließe. Aber wer sein Unternehmen mit diesem neuen System aufbaut, ist ganz anderer Meinung.

Karl Marx wäre entsetzt. Ein neuer Motor des Kapitalismus – genannt Crowdfunding – treibt Privatunter­­nehmen in den fortschrittlichsten Volks­wirtschaften der Welt an.

Die Idee, Privatpersonen online als Geld­geber für Unternehmen zu suchen oder ihnen sogar Anteile eines wachsenden Geschäfts zu verkaufen, wurde aus der Not heraus geboren, als die Banken während der letzten Wirtschaftskrise die Finanzierung für kleine Unternehmen aussetzten. Kapitalhungrige Start-up-Unternehmen haben den entsprechenden Internetseiten, die weltweit wie Pilze aus dem Boden schossen, die Türen eingerannt. In Groß­­britannien sind das beispielsweise CrowdCube, Seedrs und Funding Circle. In den Niederlanden wird der Trend von Symbid angeführt. In Deutschland und Frankreich vermehren sich diese Anbieter unaufhaltsam und in Latein­amerika übernimmt Idea.me dieses Geschäft. In Asien ging die Seite ToGather.Asia im Juli 2013 online.

Das in Los Angeles, USA, ansässige Forschungsunternehmen Massolution hat 308 Crowdfunding-Plattformen weltweit unter die Lupe genommen und schätzt, dass es rund 800 davon gibt. Ihre Ergebnisse lassen aber darauf schließen, dass die Seiten in Nord­amerika und Europa rund 95% der Gelder aufbringen. Die Gesamtsumme schätzt Massolution für das Jahr 2012 auf 2,7 Milliarden US-Dollar und sagt für 2013 einen Wert von 5 Milliarden US-Dollar voraus.

UNTERSTÜTZER UND KRITIKER IM ZWIST

Obwohl es sich eindeutig um einen globalen Trend handelt, scheint das Crowdfunding in den USA am weitesten entwickelt zu sein. Im April 2012 hat Präsident Barack Obama das JOBS-Gesetz (JOBS = Jumpstart Our Business Startups, zu Deutsch: Starthilfe für Geschäfts­neugründungen) erlassen, mit dem kleine und mittlere Unternehmen unter anderem leichter an Kapital kommen und folglich mehr Mitarbeiter einstellen können.

Seit Unterzeichnung dieses Gesetzes werden Debatten über das Crowdfunding mit teils religiösem Eifer geführt. Die Unterstützer verkünden, dass Crowdfunding das System der Zukunft sei, weil es Geld von Millionen Privatpersonen anziehe. Doch professionelle Investoren in den USA sind skeptisch, wenn es heißt, dass sich Crowdfunder als wichtige Akteure im Finanzsystem etablieren könnten.

„Ich glaube, es handelt sich nur um ein Strohfeuer“, sagt Tracy T. Lefteroff, Global Managing Partner für Risikokapital bei PricewaterhouseCoopers (PwC) im kalifornischen San Jose, USA. PwC verfolgt gemeinsam mit dem amerika­nischen Wirtschaftsverband National Venture Capital Association die Lage in der Branche.

5 Milliarden US-Dollar

Massolution schätzt, dass 2013 die Gesamtsumme aller durch Crowdfunding eingeworbenen Gelder 5 Milliarden US-Dollar betragen wird.

Komplizierter wird die Debatte dadurch, dass es mindestens zwei Arten dieser Crowdfunding-Webseiten gibt. Die bedeutendste Plattform in den USA ist Kickstarter aus New York, die kleine Beträge von Privatpersonen für Start-ups im Bereich Videospiele und anderer trendiger Endverbraucherprodukte einwirbt. Die Plattform IndieGoGo, beheimatet in San Francisco, USA, hat sich auf Kunst spezialisiert. Doch die Geldgeber dieser Projekte sind keine Investoren. In den meisten Fällen kaufen sie mit ihrem Geld ein Produkt und keine Kapitalbeteiligung an den Start-ups.

Die andere Sorte dieser Plattformen, wofür CircleUp aus San Francisco als Beispiel dienen soll, verkauft Anteile von Unternehmen, die ihre Angebote auf der Webseite der Plattform veröff­entlichen. CircleUp beschafft aus­­schließlich solchen Unternehmen Kapital, die bereits einen Jahresumsatz von mindestens 1 Million US-Dollar er- ­reicht haben. Die Firmenanteile werden jedoch nur an Investoren veräußert, die von der Börsenaufsichts­behörde der USA zugelassen sind.

CEO Ryan Caldbeck gibt an, dass CircleUp seit seiner Gründung im April 2012 Kapital für 12 Unternehmen aus den Bereichen Konsumgüter, Seifen und Kosmetik beschafft hat. „Wenn man die Kosten für die Teilnahme an diesem System senkt, erhöht man automatisch die Teilnehmerzahl [der Investoren]“, sagt er.

ENGEL SIND VORSICHTIG

Seit Jahrzehnten ist die Finanzierung der Start-up-Unternehmen von Business Angels abhängig. Das sind meist private Investoren, die in einer frühen Phase Kapital einbringen und die Unternehmen so lange fördern, bis sie auch für Risiko­kapitalgeber attraktiv sind.

Brian Cohen, Vorsitzender der New York Angels, einem Zusammenschluss von über 100 Angel-Investoren und Autor des Buchs What Every Angel Investor Wants You to Know, hat selbst in rund 24 Unternehmen investiert und bezweifelt, dass Crowdfunder mit dem Fachwissen und den einflussreichen Beziehungen der Angel-Investoren mithalten können. Zudem warnt er davor, dass zu viele Investoren, von denen jeder einen kleinen Geschäftsanteil besitzt, die Situation verkomplizieren könnten.

„Erfahrene risikokapitalgeber werden sich womöglich von unternehmen fernhalten, die zu viele nicht-professionelle investoren haben, die im falle ungenügender liquidität übereilt ihre investition zurückziehen könnten.“

Tracy T. Lefteroff Global Managing Partner Für Risikokapital Bei Pricewaterhousecoopers

Diese Komplexität beunruhigt auch Lefteroff von PwC. Er gibt zu bedenken: „Erfahrene Risikokapitalgeber werden sich womöglich von Unternehmen fern­halten, die zu viele nicht-profess­ionelle Investoren haben, die im Falle unge­nügender Liquidität übereilt ihre Investition zurückziehen könnten.”

KOMPLEXE REGULARIEN

Doch es gibt noch weitere Stolpersteine. Die Börsenaufsicht der USA, die durch das JOBS-Gesetz mit der Entwicklung von Regularien für die aufkeimende Crowdfunding-Branche beauftragt wurde, hat noch viel vor sich. Erst im Juli 2013, über ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes, hat die Börsenaufsicht schließlich den ersten Teil ihrer Charta fertiggestellt, der Start-up-Unternehmen erlaubt, über Werbung private Geldgeber zu finden. Sie bat zudem die US-Finanzaufsichtsbehörde, Vorschläge für Regulierungsmaßnahmen zu machen, die es den Plattformen für eigen­kapitalbasiertes Crowdfunding erlaub­ten, nicht registrierte Aktienanteile auch an Investoren zu verkaufen, die nicht von der Börsenaufsicht zugelassen sind.

Europa steht vor ähnlichen Schwierigkeiten bei der Regulierung. Kristof de Buysere lehrt an der Tilburg Universität in Holland und war Co-Autor des 2012 erschienenen Berichts “A European Framework for Crowdfunding” (zu Deutsch: Rahmenwerk für das Crowdfunding). Er sagt, dass verschiedene Abteilungen der Europäischen Kommission das Problem beleuchtet haben, aber die wichtigste Abteilung, zuständig für das Wertpapierrecht, die erste öffentliche Anhörung zu diesem Thema auf Juni 2013 verschoben habe. „Darüber sind alle sehr frustriert“, so de Buysere.

Das Vakuum aus der EU führt dazu, dass die Regierungen der Mitgliedsstaaten eigene Vorschriften erlassen und damit die Chancen für Investitionen über die Landesgrenzen hinaus beschränkt sind. Ein Problem besteht darin, dass derzeit geltende Gesetze die Crowdfunding-Plattformen meist dazu zwingen, zwischengeschaltete Beteiligungs­gesellschaften zu gründen, die das Geld der Investoren weiterverteilen. „Doch dem Investor ist dann nicht klar, was er eigentlich gekauft hat“, gibt de Buysere zu bedenken.

ERFOLGSGESCHICHTEN DES CROWDFUNDINGS

Trotz der Herausforderungen konnte das eigenkapitalbasierte Crowdfunding einige frühe Erfolge verbuchen, wie auch Christy Prunier bei der Gründung ihrer Firma Willa Skin Care erfahren durfte. Sie lieh sich Geld von ihrer Familie und nahm eine Hypothek auf ihr Haus auf, um einen Kredit von der Small Business Administration zu erhalten, aber es reichte nicht.

Im September 2012 wandte sich Prunier an CircleUp und bereits Mitte Dezember hatte sie 1 Million US-Dollar von rund 10 Investoren beisammen. Ihr in New York City ansässiges Unternehmen hat nun bereits die Umsatzschwelle von 1 Million US-Dollar überschritten und wächst dank Vertriebsvereinbarungen mit Target, J. Crew und Amazon rasant weiter. Zwei ihrer Investoren hat sie sogar in den Vorstand berufen.

„Welche alternative gibt es denn für unternehmen wie willa, die durch alle raster fallen? Wir sind für risikokapitalgeber zu klein. Vor circleup gab es keine anderen finanzierungsmöglichkeiten.“

Christy Prunier Gründerin Von Willa Skin Care

Prunier ist von der Idee des Crowdfundings fest überzeugt. „Welche Alternative gibt es denn für Unternehmen wie Willa, die durch alle Raster fallen?“, fragt sie. „Wir sind für Risikokapitalgeber zu klein. Vor CircleUp gab es keine anderen Finanzierungsmöglichkeiten.“

Auf ähnliche Weise hat sich Symbid durch die Unwägbarkeiten des europäischen und holländischen Rechts gekämpft und laut Korstiaan Zandvliet, dem Geschäftsführer und Mitbegründer der Plattform, seit 2011 rund 1,7 Millionen Euro für 18 Unternehmen eingeworben. Zu den geförderten Projekten zählten Solarmodule zum Aufladen von Handys, eine Käserei sowie ein urbanes Landwirtschafts­unternehmen.

Symbid operiert unter einer Bankenlizenz der Europäischen Zentralbank und der holländischen Landesbank. Dieses niederländische Pendant zur US-Börsenaufsicht akzeptiert dieses Arrangement und verspricht, keine rechtlichen Schritte gegen Symbid wegen des Crowdfundings einzuleiten. Es handelt sich lediglich um eine Billigung, aber es funktioniert. „Ich glaube, dass man bezüglich des eigenkapitalbasierten Crowdfundings nirgendwo auf der Welt absolute Klarheit finden wird“, sagt Zandvliet.

Die Herangehensweise von Symbid hat auch einige Angel-Investoren überzeugt. Zandvliet sagt dazu: „Zehn Prozent unserer fast 1.500 Investoren sind Business Angels. Angel-Investoren profitieren direkt von der Transparenz auf unserer Seite und Risikokapitalgeber sind davon begeistert, dass wir die Investoren zu einer juristischen Person bündeln.“

ERFOLGREICHE NISCHEN

Amy Cortese, Autorin des Buchs Locavesting: The Revolution in Local Investing and How to Profit From It, behauptet, dass das Crowdfunding trotz der rechtlichen und finanziellen Ungewissheiten in vielen Volkswirt­schaften zu einer festen Größe werden wird. „Sicherlich wird das Crowdfunding hauptsächlich im Verbrauchsgüterbereich zum Tragen kommen“, sagt sie. „Die Menschen wollen in Dinge investieren, die sie kennen und verstehen.“ Ihrer Meinung nach sei das ein Vorteil, weil durch Crowdfunding finanzierte Start-­ups sofort über einen Kundenstamm und Markenbotschafter verfügen. „Das ist ein großer Unterschied zur Geschäfts­auffassung der Risikokapitalgeber, die auf ein schnelles Wachstum drängen, um bald wieder aussteigen zu können.“

In der Zwischenzeit haben sich auch andere Crowdfunding-Modelle entwickelt. Als Beispiele dafür nennt Kevin Berg Kartaszewicz-Grell, Forschungsdirektor bei Massolution, das Crowdlending und das royalty-based Crowdfunding. Seine Definition für Letzteres lautet: „Man bekommt eine finanzielle Gegenleistung, aber keinen festen Zinssatz und auch keine Kapitalbeteiligung. Stattdessen handelt es sich um einen Anteil des Verkaufserlöses. Diese Variante ist für die Software- und Anwendungs­entwicklung besonders interessant, für die es bereits einen etablierten Markt gibt.“

Letzten Endes ist es jedoch verfrüht zu behaupten, dass das Crowdfunding das bewährte System der Angel-Investoren und Risikokapitalgeber ersetzen wird. Dieses hat sich über Jahrzehnte entwickelt und das Crowdfunding wird sicher ebenso lange benötigen. Oder wie es Karl Marx ausdrücken würde: Eine neue Dialektik muss geboren werden. ◆

von William J. Holstein Zurück zum Seitenbeginn