COMPASS MAGAZINE #10
COMPASS MAGAZINE #10

DIE ZUKUNFT DER ARBEIT Automatisierung gefährdet zahllose Arbeitsplätze, und Ökonomen debattieren, ob Wachstum allein neue Arbeitsplätze in ausreichender Zahl schaffen kann

Seit den 1970er Jahren sind der Automatisierung Millionen Arbeitsplätze in Banken, im Einzelhandel, in Reisebüros, bei Fluggesellschaften in der Abfertigung oder in der Produktion zum Opfer gefallen. Nun stehen die Arbeitsplätze von Lkw-Fahrern, Flugzeugpiloten und gar Ärzten auf dem Spiel, und es beschleicht einen zuweilen das Gefühl, als ob jede von Menschen erledigte Arbeit – bis auf die des Computer-Programmierers – dazu bestimmt sei, zu verschwinden. Compass beleuchtet die Risiken und Chancen.

Zwei ungewöhnliche Lkw befahren die Autobahnen im US-Bundesstaat Nevada und die Autobahn in der Nähe von Stuttgart. Auch wenn sie den meisten 18-rädrigen Sattelzügen von heute ähnlich sehen, unterscheiden sie sich jedoch in einem wesentlichen Punkt – dem Fahrer: In der Fahrerkabine befindet sich ein autonomes, computer- gesteuertes System namens Highway Pilot, das den Lkw ohne menschliches Zutun steuert.

Bislang sind diese hochmodernen, vom deutschen Hersteller Daimler Trucks produzierten Lkw lediglich Testfahrzeuge. Der anwesende Fahrer fährt mit, um im Notfall eingreifen zu können. Die meisten für Autobahnen geltenden Straßenverkehrs- vorschriften erlauben vollständig autonome Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr nur, wenn ein Mensch das System dauerhaft überwacht. Sobald die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen sind, dürften auf diesen Prototypen basierende Lkw bis Ende des Jahrzehnts in Betrieb sein, so die Sprecherin des in Stuttgart ansässigen Unternehmens Daimler, Uta Leitner.

Die Frage, wie sich dies auf die künftigen Beschäftigungsaussichten der aktuell ca. 7 Mio. in den USA und Europa tätigen Lkw-Fahrer auswirkt, bleibt offen. Werden selbstfahrende Fahrzeuge dafür sorgen, dass diese Arbeitsplätze dasselbe Schicksal ereilt wie das der Fahrstuhlführer, ersetzt durch Drucktasten, oder das der Bank- angestellten, verdrängt von Geldautomaten, oder das der Reisevermittler, überflüssig geworden durch den Online-Buchungsservice? Und welche anderen Berufe könnten den leistungsfähigen Computer-Algorithmen, angefangen bei der medizinischen Diagnose bis hin zur automatisierten Koordinierung der auf Hausdächern montierten Solar- kraftwerke, noch zum Opfer fallen?

„Wenn sich bei Ihrer Tätigkeit Arbeits- schritte wiederholen und dafür keinerlei kreatives Denken erforderlich ist, wenn Sie das Tun als Prozess formulieren können, dann besteht die Gefahr, dass Ihre Arbeit von einem Bot oder einem Roboter übernommen werden kann“, sagt Jacob Morgan, Autor von The Future of Work . „Das ist ein wenig beängstigend und nicht ganz unbegründet, daher ist es an der Zeit, dass Beschäftigte darüber nachdenken, sich selbst neu auszurichten.“ (Siehe „Technologie und Ausbildung” auf S.40)

INDUSTRIELLE REVOLUTION 4.0

Mit der Industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts nahm der Austausch von Arbeitern durch Maschinen seinen Anfang – mit der Technik veränderte sich also auch das Wesen der Arbeit. Für jeden schmerzhaft verlorenen Arbeitsplatz aber schuf die Wirtschaft ein oder mehrere neue Arbeitsplätze in moderneren Industriebetrieben. Von Maschinen verdrängte Arbeitnehmer mussten zwar auf neue Arbeitsplätze umschulen, aber neue Arbeitsplätze existierten noch für diejenigen, die bereit waren, sich neue Kompetenzen anzueignen.

Heute sieht die Lage jedoch anders aus: Aufgrund des Zusammenspiels von Spitzentechnologien wie z.B. künstliche Intelligenz, Roboter, automatisierte Big-Data-Analysen, das Internet der Dinge, Nanotechnologie und 3D-Druck gehen Experten davon aus, dass sich die Welt an einem entscheidenden Wendepunkt befindet, an dem sich die Arbeitswelt derart dramatisch verändern wird, dass sie praktisch nicht mehr wiederzuerkennen sein wird. So könnte z.B. in einer nicht allzu fernen Zukunft die Notwendigkeit entfallen, Waren zu transportieren, was dann selbst
vollautonom fahrende Lkw überflüssig machen würde. Jeder wird sich seine eigenen Produkte zu Hause über 3D-Druck herstellen dank heruntergeladener 3D-Modelle. Somit werden vielleicht sogar auch jene Fabrik-Roboter überflüssig, die zuvor ihre menschlichen Pendants verdrängt haben. Vielleicht aber auch nicht.
Die wichtigste Frage lautet, wie sehr sich die neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten am technologischen Wandel früherer Zeiten anlehnen, ob mit ihnen genauso viele Arbeitsplätze geschaffen werden wie durch sie vernichtet wurden, oder ob uns eine Zukunft in Arbeitslosigkeit droht, eine dystopische Welt, in der nur eine kleine Gruppe von hochqualifizierten und geschulten Mitarbeiter beruflich Erfolg haben wird und der Rest verkümmert in Arbeitslosigkeit oder in schlecht bezahlten Teilzeitjobs.

7,1 MILLIONEN

Die Zahl der Arbeitsplätze, die in den nächsten fünf Jahren laut einem während des Weltwirtschaftsforums 2016 in Davos, Schweiz, präsentierten Berichts voraussichtlich verloren gehen werden. Durch Wirtschaftswachstum werden dem Bericht zufolge lediglich 2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen – ein Nettoverlust von über 5 Millionen Arbeitsplätzen in fünf Jahren.

Viele glauben, das dystopische Modell sei am wahrscheinlichsten. Eine Studie, kürzlich unter Personalleitern von großen, weltweit tätigen multinationalen Konzernen durch- geführt und auf dem Weltwirtschafts- forum 2016 in Davos, Schweiz, präsentiert, prognostiziert einen durch die Auto- matisierung bedingten Verlust von 7,1 Millionen Arbeitsplätzen in den nächsten fünf Jahren, davon zwei Drittel im Bereich Büro und Verwaltung. Laut der Studie bedeutet der Eintritt in die „Vierte Industrielle Revolution“ – Dampf, Elektrizität und Computer fallen unter die ersten drei Industriellen Revolutionen – und damit verbundene technologische Verbesser- ungen und das Wirtschaftswachstum, dass lediglich 2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Dies bedeutet einen nettoverlust von über 5 Millionen Arbeitsplätzen allein in fünf Jahren.

Die Befragten der WEF-Studie, bei der Personalleiter der 371 weltweit größten Unternehmen befragt wurden, gehen „von einem erheblichen Arbeitsplatzabbau innerhalb der weltweiten Belegschaft bei Berufsfamilien und Tätigkeitsbereichen aus, dem Arbeiten mit Verwaltungs- funktionen und Routineaufgaben zum Opfer fallen könnten“, und von einem Wachstum an Arbeitsplätzen im Bereich Computer, Mathematik, Architektur- und Ingenieurwesen.

Jerry Kaplan gründete 1987 die GO Corp, ein wegweisendes Unternehmen für Tabletcomputer, und untersuchte später die Auswirkungen der Technologie auf die Gesellschaft. Kaplan prognostiziert, dass der neue technologische Wandel zwar auf lange Sicht zahlreiche wirt- schaftliche Vorteile mit sich bringen wird, kurzfristig jedoch brutale Auswirkungen haben könnte.
„Die jüngsten Fortschritte bei Robotern, maschinellem Lernen und Computern ermöglichen eine neue Generation von Systemen, die mit menschlichen Fähigkeiten konkurrieren oder diese gar übertreffen“, so Kaplan, Autor des Buchs Humans Need Not Apply: A Guide to Wealth and Work in the Age of Artificial Intelligence. „Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen steigt das Innovationstempo bei der Automatisierung, zum anderen gibt es im Bereich der künstlichen Intelligenz bedeutsame Fortschritte.“ Auch wenn die Gesellschaft von vielen dieser Veränderungen profitieren wird, „werden wir möglicherweise eine längere Phase sozialer Unruhen erleben“. (Siehe „DISRUPTIVE WIRKUNG AUF DEN ARBEITSMARKT” auf S.54)

FACHKRÄFTE IN GEFAHR

Als Beispiel dafür, welche grundlegende Veränderung in den nächsten fünf Jahren zu erwarten ist, führt Kaplan Ärzte und Piloten an, also Berufe, von denen die meisten Leute annehmen würden, dass sie nicht so leicht zu ersetzen seien. Laut Kaplan führen Roboter bereits einige Arten filigraner Operationen durch, und viele Krankheiten werden durch Algorithmen zuverlässiger diagnostiziert als durch Menschen. Und auch die Automatisierung an Bord von Flugzeugen sorgt für eine weit bessere Sicherheitsbilanz als menschliche Piloten.

Martin Hägele, Abteilungsleiter Roboter- und Assistenzsysteme des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart, geht davon aus, dass Roboter an Arbeitsplätzen noch intelligenter und flexibler als derzeitige Modelle sein werden, deren Einsatz sich aktuell meist auf die Ausführung sich wiederholender Tätigkeit beschränkt. Die Nachfolgemodelle werden einen Körper besitzen, der dem Oberkörper eines Menschen ähnelt. Diese Roboter werden mit Menschen zusammenarbeiten, die jedem Roboter beibringen können, was er zu tun hat, indem sie ihn bei seinen Auf- gaben begleiten – ohne Programmierung.

Der technologische Wandel wird auch zu einer Bewegung führen, die der Autor Morgan als „Freelancer Economy“ und andere als „Uber Economy“ bezeichnen – in Anlehnung an den OnlineVermittlungsdienst für Fahrdienstleistungen, der weit verbreitete Proteste von Taxi- fahrern in mehreren Städten auslöste. Dank Innovationen wie dem Smartphone und dem Internet, so Morgan, können Beschäftigte unabhängig von einem Büro beliebig über den Umfang ihrer Arbeit entscheiden. Im Ergebnis – so seine Prognose – werden Unternehmen etwa die Hälfte ihrer festen Mitarbeiter durch freie ersetzen, deren Leistung einfach überwacht und entlohnt werden kann. Damit können sie ihre Fixkosten senken und darüber hinaus negative Schlagzeilen umgehen, wenn es um die Ankündigung von Entlassungen in Zeiten wirtschaft- lichen Abschwungs geht.

OPTIMISTISCHE AUSSICHT

Doch nicht jeder teilt diese düstere Einschätzung künftiger Beschäftigungs- aussichten. Guy Michaels, Wirtschafts- wissenschaftler an der London School of Economics, veröffentlichte 2015 eine Studie, die sich mit den Beschäftigungs- zahlen in 14 Wirtschaftszweigen, insbesondere im Bereich der Fertigungs- industrie, befasste, in denen Roboter eingeführt wurden. Er fand heraus, dass der Einsatz von Robotern zwar einerseits zum Verlust von Arbeitsplätzen führte, der jedoch andererseits durch neue Be- schäftigung in diesen Branchen weitgehend ausgeglichen wurde, sodass eine Aussage darüber, ob es den vom Arbeitsplatz Verdrängten wirtschaftlich besser oder schlechter erging, unmöglich war. Die untersuchten Unternehmen befanden sich in 17 verschiedenen Ländern.

„Es werden einige ihren Arbeitsplatz verlieren und keinen entsprechenden Job mehr finden“, so Michaels. „Unter dem Strich bedeutet dies jedoch nicht zwangsläufig, dass Arbeitsplätze verloren gehen. Sind Konsumenten finanziell besser gestellt, können sie mehr ausgeben. Unternehmen können andere Produkte entwickeln und von der Automatisierung profitieren. Wir erleben einen Produktivitätszuwachs und steigende Löhne, jedoch keine großartigen Veränderungen in Bezug auf die Beschäftigungsquote insgesamt.“

Der technologische Fortschritt wirkt sich auf die Berufsgruppen unterschiedlich aus. Im Sektor der Informations- und Kommunikationstechnologie z.B.– zu dem auch der Bereich des Mobile Web gehört – profitieren eher Arbeitssuchende mit Universitätsabschluss ohne dabei die Aussichten für Menschen mit lediglich einem Schulabschluss ernsthaft zu schmälern. Erhebliche Arbeitsplatzverluste treffen eher diejenigen dazwischen: Menschen, die eine Universitätsausbildung zwar begonnen aber nicht abgeschlossen haben. Und Roboter ersetzen viele gering qualifizierte Arbeitnehmer ohne Hochschulabschluss, so Michaels.

Einige Ökonomen sprechen davon, dass eine Verlangsamung des Innovationstempos wahrscheinlich ist, in deren Zuge das Risiko einer massenhaften Verdrängung von Arbeitsplätzen verringert wird. Andere dagegen vertreten die Auffassung – und dazu zählen auch die Ökonomen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee –, dass drastisch sinkende Kosten für digitale Geräte, verbunden mit einer erhöhten Verfügbarkeit auswertbarer Datenmassen von Millionen intelligenten vernetzten Geräten, ein exponentiell zunehmendes Innovationstempo bedeuten. Dieses sei schneller als das, was die Menschheit in den ersten drei Industriellen
Revolutionen je erlebt habe.

DIE ÖKONOMIE DER EFFIZIENZ

Brynjolfsson und McAfee weisen darauf hin, dass nicht alle Arbeitnehmer gleicher- maßen vom konstanten Wachstum der Gesamtwirtschaft profitierten. Das Unternehmen Eastman Kodak mit einst 150.000 Beschäftigten ging in Konkurs, da die Nachfrage nach klassischen Kameras mit Film zusammenbrach. Instagram, geboren aus der digitalen Kamerarevolution, bewegt jährlich Milliarden von digitalen Fotos, und be- schäftigt nur ein paar hundert Menschen.

Trotz einiger düsterer Prognosen sind sich die meisten Ökonomen darin einig, dass der Mensch niemals zu ersetzen sein wird, wenn es darum geht, Roboter und anderen Formen der Automatisierung zu entwickeln, programmieren und zu beaufsichtigen. Auch wenn die Zahl der Arbeitsplätze für Geringqualifizierte sinkt, dürfte die Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften in den kommenden Jahren steigen. Ob diese Zahl der Positionen ausreichen wird, um die durch die Automatisierung verloren gegangenen zu ersetzen, wird wohl die nächsten Jahre heftig diskutiert werden.

„Was künftige Arbeitsplätze anbelangt, bin ich recht optimistisch“, sagte Ellyn Shook, Chief Leadership und Human Resources Officer beim Beratungsunter- nehmen Accenture, kürzlich in einem Webcast über die Zukunft der Arbeit. Es dreht sich alles um das Thema der digitalen Umwälzung. Dabei steht jedoch der Mensch im Zentrum. Auf Emotionen und Kreativität basierende Verhaltens- weisen von Menschen werden sich nicht durch Maschinen ersetzen lassen.“ ◆

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von Charles Wallace

Ergänzende Lektüre aus The New York Times:Wenn Roboter alle Arbeitsplätze übernehmen, werden Menschen dann dafür bezahlt, nicht zu arbeiten
http://bit.ly/PaidNotToWork
 
Sehen Sie, warum Technologie 45% der Arbeitsplätze gefährdet
http://bit.ly/JobKillingTech