COMPASS MAGAZINE #10
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DIGITALE GELDBÖRSEN Neue Technologien konkurrieren miteinander um die Zukunft des Bezahlens

Jahrelang hat sich die Zahlungsverkehrsbranche auf bewährte Technologien verlassen, doch jetzt stehen revolutionäre Veränderungen bevor. Die Technologie der „digitalen Geldbörse“, vorgestellt als jeweils eigene Lösungen von Paypal, VISA, MasterCard und anderen Anbietern, bietet eindeutig vielversprechende Möglichkeiten.

Der Erfolg aber hängt letztendlich von der Akzeptanz bei den Verbrauchern ab: Werden Verbraucher diese digitalen Geldbörsen annehmen?

Technologie hat bisher fast alle Bereiche unseres Lebens weitgreifend verändert. Unsere Geldbörsen sind das „nächste große Ding“, das reif ist für die Digitalisierung.

Was ist eine digitale Geldbörse? Das ID Lab der Universität Toronto definiert sie als eine „mobile elektronische Vorrichtung, mit der eine Einzelperson elektronische Geschäftstransaktionen durchführen kann“. Laut einer aktuellen Studie des Gartner-Instituts sollen mobile Zahlungstransaktionen weltweit um 42% jährlich steigen, und bis 2016 sollen 617 Milliarden US-Dollar sowie 448 Millionen Anwender erreicht werden.

Dabei ist noch nicht sicher, ob digitale Geldbörsen als neue Technologie überhaupt angenommen werden. Als das Konzept zuerst startete, wurde dies als Speichermöglichkeit für verschiedene Arten elektronischen Bargelds (e-Cash) verstanden. Als e-Cash keine Akzeptanz in der Öffentlichkeit fand, meist wegen Sicherheitsbedenken, wandelte sich die Definition digitaler Geldbörsen mehr in Richtung eines mobilen Zahlungsdienstes.

AKZEPTANZ WÄCHST NUR LANGSAM

„Das echte Potenzial digitaler Geldbörsen ist noch gar nicht entfaltet worden“, sagt Anne Head, Vice President von VISA Europe. „Das Thema ist momentan in aller Munde. Die Herausforderung – und zugleich die Chance – liegt darin, eine Geldbörse zu konzipieren, die sicher, einfach und gut integriert ist, sowohl bei den heutigen als auch bei zukünftigen Banken und Zahlungsdiensten.

Kontaktlose Geldbörsen, die auf der Nahfeldtechnologie (NFC für Near Field Communication) beruhen, sind eine besondere Herausforderung. Denn obwohl bereits viele kontaktlose Chipkarten und NFC-fähige Mobiltelefone im Umlauf sind, werden sie derzeit nur in sehr begrenztem Umfang eingesetzt.

„Es gibt da eine Art Graben zwischen den Verbrauchern und den Händlern“, bemerkt James Sherwin-Smith, leitender Manager im Bereich Zahlungsverkehr bei der weltweit aktiven Managementberatung Oliver Wyman. „Die Verbraucher übernehmen neue Technologien im Zahlungsverkehr nur sehr widerwillig,

solange sie nicht überzeugt sind, dass diese von den meisten Händlern akzeptiert werden. Die Händler zögern ihrerseits mit der Übernahme, weil die Technik bei den Verbrauchern noch nicht sehr verbreitet ist.“

Die Komplexität der Wertschöpfungskette der NFC-Technologie steht deren Verbreitung im Wege. „Die bittere Wahrheit ist, dass der NFC-Markt, obwohl er noch in den Kinderschuhen steckt, bereits viel zu kompliziert ist, als dass irgendjemand mit hinreichender Genauigkeit sagen könnte, wie er sich in Zukunft entwickeln wird“, ist Amir Tabakovic überzeugt, Vorsitzender der Mobile Wallet Taskforce beim Mobey Forum, einer weltweiten bankenfinanzierten Vereinigung, die sich mit mobilen Zahlungsmethoden und mobilem Banking beschäftigt. „Es steht außer Frage, dass die Technologie enorme geschäftliche Vorteile bietet. Weniger klar ist dabei aber, wie all diese Parteien zusammenarbeiten sollen. Viele werden gezwungen sein, gleichzeitig zu kooperieren und zu konkurrieren.”

Solche diffizilen Verhältnisse der „Kooperenz“ sind schwer zu gestalten. „Es ist extrem schwierig, all die unterschiedlichen Akteure zu einer effektiven Zusammenarbeit zu bewegen“, meint Zilvinas Bareisis, leitender Analyst bei der weltweiten Forschungs- und Beratungsfirma Celent. „Darum scheinen es so viele Unternehmen derzeit lieber allein zu versuchen.“

DER KAMPF UM DIE GELDBÖRSEN

Der Kampf um ein Stück des NFC-Kuchens geht weiter, und Akteure außerhalb des traditionellen Bankensektors stoßen in den Markt.

Ein solcher Akteur ist PayPal. Der zu eBay gehörende Gigant hat erfolgreich verschiedene Arten von Zahlungsquellen, unter anderem Girokonten, Kreditkarten und (Geschenk-)Gutscheine, in einer Anwendung kombiniert, die den Kunden die Möglichkeit gibt zu zahlen, wie sie möchten, wann sie möchten.

„Meiner Ansicht nach sind Zahlungen am Verkaufspunkt allein nicht das eigentliche Problem“, schrieb der Präsident von PayPal, David Marcus, vor kurzem in seinem Blog. „Die wahre Chance für Technologie besteht darin, verborgene Kundenbedürfnisse auf neue Weise zu befriedigen.“

Marcus prognostizierte sogar, dass sich die Debatte um NFC-Zahlungen noch 2013 erledigt haben werde – und zwar nicht so, wie es sich die Banken erhofften. „Sie (die NFC-Technologie) löst kein echtes Problem der Verbraucher, und sie bietet mir – oder sonst jemandem – keinen zusätzlichen Nutzen, um mein Verhalten zu ändern.“

SICHTBARE FORTSCHRITTE

Ein Unternehmen, das auf echten Wandel hofft, ist das in New York ansässige Startup Moven (ehemals Movenbank), das 2013 seine eigene, NFC-basierte und nur auf Mobiltelefonen verfügbare Lösung auf den Markt bringt. Mit Blick auf die „Digital Natives“, die Generation, die mit Online-Diensten aufgewachsen ist, möchte Moven (in eigenen Worten) „einen Neustart des Banking“ auslösen.

„Moven ist von Anfang an für mobile Anwendungen konzipiert worden“, erklärt Brett King, Gründer von Moven und Autor mehrerer Bestseller über die Zukunft der Banken für Privatkunden. „Die Kunden bringen einfach einen kontaktlosen Sticker am Mobiltelefon an, und schon kann es losgehen. Sie können mit ihrem Mobiltelefon für Waren bezahlen und ihren Kontostand vor und nach dem Einkauf in Echtzeit auf dem Bildschirm sehen.“

In Entwicklungsländern eröffnet die Möglichkeit, über das Mobiltelefon zu bezahlen neue Chancen, weil so auch bankenlose Menschen Zugang zu Finanzleistungen erhalten können.

Eine solche Initiative ist M-Pesa in Kenia. Dort können Nutzer mit ihrem Personalausweis oder Pass sowie einem mobilen Endgerät Geld einzahlen, abheben oder überweisen. In nur sechs Jahren konnte M-Pesa 17 Millionen Kunden gewinnen – fast die Hälfte der kenianischen Bevölkerung. M-Pesa bewegt sogar ganze 25% des jährlichen Bruttoinlandsprodukts von Kenia durch seine einfachen, auf Mobilfunktechnik basierenden „Girokonten“. Die traditionellen Banken des Landes kommen nicht einmal ansatzweise an eine solche finanzielle Integration bankenloser Menschen heran.

DIE SCHLACHT BEGINNT

Trotz solcher Konkurrenz durch nicht-traditionelle Zahlungsverkehrsunternehmen versuchen die etablierten Schwergewichte der Branche wie VISA oder MasterCard zurückzuschlagen. So hat VISA einen neuen Service namens V.me ins Leben gerufen, mit dem Kunden beim Online-Shopping an der Kasse Zahlungsvorgänge abschließen können, ohne bei jedem Kauf erneut Zahlungsdaten und Lieferanschriften eingeben zu müssen.

„Uns geht es um Geschwindigkeit und Einfachheit“, so der Vorsitzende von VISA. „V.me ist als Zahlungsdienst für mehrere Kanäle ausgelegt, der auf allen Plattformen funktioniert. Das ist besonders wichtig, weil ca. 20% aller Website-Besucher über Smartphones oder Tablets im Netz unterwegs sind. Da immer mehr Menschen mobile Endgeräte als Hauptzugang zum Internet nutzen, muss der Zahlungsvorgang so leicht und schnell vonstatten gehen wie bei anderen Medien auch.“

„DAS ECHTE POTENZIAL DIGITALER GELDBÖRSEN IST NOCH GAR NICHT ENTFALTET WORDEN.“

ANNE HEAD VICE PRESIDENT VON VISA EUROPE

Währenddessen hat MasterCard sein PayPass-Netzwerk für die digitale Geldbörse auf den Markt gebracht. PayPass-Nutzer können ihre Kreditkartenangaben auf ihren Smartphones, Tablets oder Laptops speichern – über alle Betriebssysteme hinweg – und damit im Netz oder in Geschäften einkaufen. American Airlines und die US-Buchhandelskette Barnes & Noble gehörten zu den ersten Unternehmen, die den PayPass-Button in die Online-Kassen ihrer Websites integrierten. American Airlines hat zudem PayPass in seine mobile App integriert, um schnelleres Buchen und Boarding zu ermöglichen.

Außerdem hat MasterCard zusammen mit dem spanischen Telekommunikationsunternehmen Telefónica ein Joint Venture namens Wanda gegründet, mit dem mobile Zahlungen in ganz Lateinamerika Alltag werden sollen. Wanda wurde erfolgreich in Argentinien, Peru und Mexiko gestartet und hat bereits mehr als 200.000 Kunden. Es wird erwartet, dass MasterCard und Telefónica im April 2013 ähnliche Leistungen in Brasilien anbieten werden.

Zur gleichen Zeit tut sich der größte Telekomanbieter Chinas, China Unicom, mit der China Merchants Bank zusammen, um in Shanghai einen Dienst für mobile Geldbörsen für NFC-fähige Mobiltelefone zu starten. So wird Shanghai landesweit die erste Stadt, in der das mobile Zahlungssystem eingeführt wird, bevor dies dann im Rest des Landes geschieht.

Japan Credit Bureau (JCB) plant einen einmonatigen Pilotversuch mit einer neuen mobilen Zahlungsplattform, bevor diese dann Ende 2013 nationalen und internationalen Kunden offen steht. Mit der JCB Mobile Wallet lassen sich Zahlungen, Treueprogramme, Nachlässe und andere Sonderangebote abwickeln.

All das passiert, während die Europäische Kommission grünes Licht für Weve gegeben hat, ein Joint Venture der britischen Mobilfunkanbieter Vodafone, O2 und Everything Everywhere. Die Unternehmung zeigt, wie sehr sich die Macht von Finanzdienstleistern hin zu Telekommunikationsunternehmen verschiebt, und zielt darauf ab, eine einheitliche Plattform für die mobile Geldbörse zu schaffen, in der Karten, Gutscheine und Transaktionsdaten auf SIM-Karten von Mobiltelefonen verwaltet werden. Banken, Kreditkartenunternehmen, Einzelhändler, Werttransportunternehmen und andere Mobilfunkanbieter können im Rahmen eines Abo-Modells Platz auf der SIM mieten.

UNTERM STRICH

Bei all diesen Versuchen, sich für die Zukunft in eine gute Ausgangsposition zu bringen, bleibt eine Frage bestehen: Werden die Verbraucher die neuen Technologien annehmen?

„Weltweit verzeichnen Zahlungen mit digitaler Geldbörse weiterhin gute Wachstumsraten, insbesondere in reiferen Märkten“, so Patrick Desmarès, CEO von EFMA, dem weltweiten Forum für Führungskräfte in der Finanzdienstleisterbranche. „Nun ist es die Aufgabe von Banken, Telekommunikations- unternehmen und des Einzelhandels, wirksam an einer überzeugenden Lösung zusammenzuarbeiten.“

KUNDENANLIEGEN ANGEHEN

Sicherheitspannen sind weiterhin in den Schlagzeilen, daher sind die Verbraucher zögerlich, wenn es um neue Technologien für digitale Geldbörsen geht. Was sagen die Marktakteure dazu?

Sicherheit

Laut den Forschungsergebnissen des Gartner-Instituts waren 27% aller Kunden weltweit während der letzten fünf Jahre Opfer von Kreditkartenbetrug.

„Am Markt wird langfristig keine Zahlungslösung Erfolg haben, die nicht grundlegende Sicherheit bieten kann“, sagt Zilvinas Bareisis, leitender Analyst bei der weltweiten Forschungs- und Beratungsfirma Celent. „Aber so etwas wie ‘vollkommene Sicherheit’ gibt es nicht, es geht mehr darum, Sicherheit und Bedienerfreundlichkeit in Balance zu bringen.“

• Privatsphäre

Sollten sich die Verbraucher Sorgen machen, dass Banken, Einzelhändler oder Regierungen bei der Nutzung von digitalen Geldbörsen mehr als nur Zahlungsangaben abgreifen?

„Der Privatsphäre kommt natürlich immer mehr Bedeutung zu, dies aber weniger auf Zahlungen im Besonderen bezogen“, so Bareisis. „Ich würde erwarten, dass kein Anbieter, der darauf hofft, seine Zahlungslösung langfristig am Markt zu etablieren, Kundendaten über das Maß hinaus sammeln würde, das für die Abwicklung einer Zahlung erforderlich ist, jedenfalls nicht ohne ausdrückliche Genehmigung des Kunden.“

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von Lindsay James