COMPASS MAGAZINE #10
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DURCHBRUCH DER DROHNEN Automatisierte Mini-Fluggeräte bieten unzählige kommerzielle Möglichkeiten

Drohnen kommen für die unterschiedlichsten Zwecke, von der militärischen Aufklärung bis hin zur Wettervorhersage, zum Einsatz. Mittlerweile sind diese unbemannten Luftfahrzeuge bereit, auch den kommerziellen Sektor zu revolutionieren. Ob für autonome Paketlieferungen oder für landwirtschaftliche Studien, Drohnen läuten eine neue Ära der Luftfahrt ein – wenn sich die Gesetzgeber einig werden, wie ihr sicherer Betrieb gewährleistet werden kann.

Bis vor kurzem kannte man Drohnen eigentlich nur als verdeckt operierende Fluggeräte, mit an den Tragflächen montierten Lenkwaffen oder mit modernster Überwachungstechnik ausgestattet für hochriskante militärische Missionen. Diese Drohnen gibt es natürlich, allerdings rücken mittlerweile auch Anwendungen für Drohnen im kommerziellen Bereich in den Vordergrund.

Der Plan von Amazon, kleine, propeller­ betriebene Drohnen einzusetzen, um Päckchen ferngesteuert praktisch überallhin zu liefern, hat die Aufmerk­ samkeit der Öffentlichkeit erregt und die landläufige Meinung, wie eine typische Drohne aussehen könnte, für immer geändert. Und da es bereits Drohnen, die kleiner als funkgesteuerte Flugzeuge sind, auf dem Markt gibt, diskutieren die Branchenexperten nicht mehr, ob eine solche Technologie realisierbar ist, sondern schätzen vielmehr ihre wirtschaftliche Auswirkung ab.

ANHALTENDER TREND

Obwohl der kommerzielle Einsatz von Drohnen momentan in den Vereinigten Staaten verboten ist, entwickelt die US Federal Aviation Administration (FAA) derzeit Richtlinien, die bis Ende 2015 veröffentlicht werden sollen.

„Der FAA Modernization and Reform Act 2012 war das erste Gesetz, das die FAA dazu aufforderte, unbemannte Flugzeuge in das nationale Luftfahrt­ system der bemannten Luftfahrt zu integrieren“, erklärt Ben Gielow, General Counsel und Senior Government Relations Manager für die Association for Unmanned Vehicle Systems International (AUVSI) in Arlington, Virginia (USA). „Davor hielt die FAA
den kommerziellen Einsatz unbemannter Fluggeräte mehr für eine Modeerscheinung und nahm die Sache nicht besonders ernst.“

In den USA hat die AUVSI, eine gemeinnützige Organisation, die sich für die Weiterentwicklung von unbemannten Systemen und Robotik einsetzt, mit Mitgliedern des US­ Kongresses zusammengearbeitet, um die FAA dazu zu bewegen, mehr Ressourcen für den kommerziellen Einsatz von unbemannten Flugsystemen abzustellen, hauptsächlich, so Gielow, aufgrund der Prognosen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Technologie.

2013 rechnete die AUVSI damit, dass die Ausweitung der kommerziellen Drohnen­Technologie bis 2025 über 100.000 Arbeitsplätze in den USA schaffen könnte, mit einer landesweiten wirtschaftlichen Auswirkung von mehr als 82 Milliarden US­Dollar in den ersten zehn Betriebsjahren.

WELTWEITE VORSCHRIFTEN VARIIEREN IMMENS

Die Gesetze zu Drohnen sind von Land zu Land völlig unterschiedlich. So hat Kanada beispielsweise die komplexesten Drohnen­Gesetze. Wenn hier eine Kamera an einem „Modellflugzeug“ angebracht wird, ändert das seinen Status unmittelbar zu einem „unbemannten Luftfahrzeug“. Und für dieses sind spezielle Zertifikate zum Flugbetrieb von Transport Canada, der Behörde, die den kanadischen Luftraum regelt, erforderlich.

In Europa sind die Vorschriften für Drohnen fallspezifisch und erfordern eine besondere Zertifizierung der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA, European Aviation Safety Agency). Vielversprechende Segmente für Drohnen, die von einer Zertifizierung betroffen wären, sind Anwendungen bei der humanitären Hilfe, dem Katastrophenschutz und bei medizinischen Einsätzen.

Die Deutsche Post DHL, ein Versand­ dienstleister mit Sitz in Bonn, Deutschland, lieferte kürzlich ihr erstes Paket erfolgreich mit einer Drohne aus. Der „Paketkopter“ des Unternehmens flog etwas mehr als 1 Kilometer in einer Höhe von 100 Metern und brachte Medikamente von einer Apotheke über den Rhein in eine DHL­Niederlassung. Mit einer Zuladung von 3 Kilogramm wurde die Drohne per Fernsteuerung von einem Bediener gelenkt. DHL meint aber, dass auch eine autonome Drohne mit GPS­Steuerung möglich sei.

In Asien beschränkt China den Einsatz von Drohnen auf Regierungsbehörden oder an den Staat angeschlossene Unternehmen. Die Überwachung des Luftraums über chinesischem Festland
wird von der Volksbefreiungsarmee und der Zivilen Luftfahrtbehörde Chinas, die für alles verantwortlich ist, was über 1.000 Meter fliegt, übernommen.

EINE FÜLLE MÖGLICHER ANWENDUNGEN

Neben dem so viel diskutierten Drohnen­Konzept von Amazon gibt es zahlreiche konkrete kommerzielle Anwendungen, die im Einsatz oder in der Prüfphase sind. Die AUVSI sagt vorher, dass eine der vielver­ sprechendsten Industrien für den Einsatz von Drohnen die Landwirtschaft ist.

So testet die University of California, Davis, im Napa Valley mitten in Kalifornien dank spezieller Freigaben und Restriktionen der FAA den RMAX von Yamaha Motor Company, um das Weinbaugebiet Oakville Station zu düngen. Solche Drohnen­Einsätze sind perfekt für landwirtschaftliche

„TECHNOLOGIE WIRD JEDE FACETTE JEDER ARBEIT GRUNDLEGEND ÄNDERN.”

CHAMATH PALIHAPITIYA GRÜNDER, THE SOCIAL+CAPITAL PARTNERSHIP

Standorte, bei denen die Hänge zu steil für Traktoren sind, enge Täler, die für Flugzeuge mit starren Tragflächen nicht sicher sind, oder Gebiete, bei denen der starke Abwind der Rotorblätter von Hubschraubern die Pflanzen beschädigen könnte.

Beim Naturschutz setzt Conservation Drones, eine weltweit tätige gemein­ nützige Gruppe, Drohnen ein, um die Regenwälder im nördlichen Sumatra (Indonesien) auf Nester von Orang­ Utans zu kontrollieren. Die von den Drohnen aufgenommenen Bilder helfen den lokalen Organisationen, die Regierung um den Schutz des National ­ parks zu ersuchen, wenn Landerschließer dort Palmen wegen ihres Öls anbauen wollen.

Kürzlich haben Google und Facebook in Drohnen­Technologie investiert, um ihr gemeinsames Ziel, die Internet­ Konnektivität in unterversorgten Gegenden zu ermöglichen, voranzutreiben. Im März 2014 kaufte Facebook den britischen Drohnen­Hersteller Ascenta auf, dessen talentierte Luftfahrtingenieure zum Connectivity Lab von Facebook kamen, um ihre Arbeit dort auf die Konnektivität von Flugzeugen zu konzentrieren. Einen Monat später wurde Titan Aerospace, ein US­ amerikanisches Start­up­Unternehmen, das 2012 gegründet wurde und hochfliegende, solarbetriebene Drohnen herstellt, von Google aufgekauft.

Drohnen eignen sich aber nicht nur für den Einsatz im Freien. Qimarox, ein Hersteller von Materialverarbeitungssystemen aus Narderwijk, Niederlande, studiert den Einsatz von Drohnen, um Waren aus dem Regal zu nehmen und Paletten damit zu bestücken – in einem Lagerhaus.

„Aufgrund der Kapazitätsgrenzen und ergonomischen Einschränkungen ist der Einsatz von Mitarbeitern, um Waren auf Paletten zu stapeln, für die meisten Hersteller von schnelldrehenden Konsumgütern keine Option mehr“, erklärt Jaco Hooijer, Betriebsleiter bei Qimarox. „Mit Drohnen können sie den Palettierungsprozess komplett automatisieren und dabei den sehr hohen Grad an Flexibilität und Skalierbarkeit durch den Einsatz von Arbeitskräften beibehalten.“

82 Milliarden US-Dollar

Die AUVSI geht davon aus, dass der Ausbau der kommerziellen Drohnen- Technologie in den ersten zehn Betriebsjahren mehr als 82 Milliarden US-Dollar generieren könnte.

 

SICHERHEIT HAT OBERSTE PRIORITÄT

Trotz des kürzlich von der FAA veröffentlichten Drohnen­Plans sind sich Experten einig, dass US­ Gesetzgeber noch viel vor sich haben, um sichere Vorschriften für den kommerziellen Einsatz von kleinen unbemannten Flugzeugen zu entwickeln. Und bis sichere Vorschriften eingerichtet sind, haben kommerzielle Anwendungen von Drohnen in den USA im Prinzip Startverbot.

„Für den Anfang sehen wir den kommerziellen Einsatz von Drohnen auf einen Betrieb in Sichtweite und bei Tageslicht beschränkt, so dass sie im Notfall schnell gelandet werden können“, so Gielow von der AUVSI. „Sie werden auch unter der Flughöhe für die allgemeine Luftfahrt und nicht höher als 122 Meter fliegen.“ Zum jetzigen Zeitpunkt schließt diese Obergrenze die Pläne von Amazon aus.

„Das Paketlieferungskonzept von Amazon erfordert nicht nur eine Drohne, die autonom über GPS funktioniert“, sagt Gielow, „sondern gleichzeitig eine mit der richtigen Sensortechnologie, um Kollisionen mit anderen Drohnen oder Fluggeräten zu vermeiden. Das alles ist noch sehr im Forschungsstadium.“

Überlegungen zur Bedienung und Steuerung zählen zu den umittelbareren und kritischeren Sicherheitsproblemen von Drohnen. Wie kontrolliert zum Beispiel ein Pilot eine Drohne, die er auf Sicht steuert, wenn die Kommunikation abgerissen ist? Experten konzentrieren sich auch darauf, die Kommunikations­ verbindungen vor Hackern und anderen Arten von Interferenzen zu schützen.

AUSBLICK

Autonome, unbemannte fliegende Drohnen sind nur eines der vielen autonomen Transportkonzepte, die in der Warteschleife stehen, um unseren Alltag zu verändern.

„Technologie wird jede Facette jeder Arbeit grundlegend ändern“, erzählte der US­amerikanische Risikoanleger Chamath Palihapitiya, Gründer von Social+Capital Partnership, kürzlich dem McKinsey Global Institute. Das Konzept des autonomen Fahrzeugs – sowohl Autos wie auch Drohnen – ist eine bahnbrechende Technologie, die sich nach Meinung von Palihapitiya erheblich auf das jeweilige Bruttoinlandsprodukt von Ländern auswirken könnte.

„Können Sie sich eine Flotte von kleinen Elektro­Autos vorstellen, die die Post ausliefert? Drohnen, die Pakete direkt vor Ihrer Tür absetzen? Lkw, die keinen Stau verursachen? Fahrzeuge, die den öffentlichen Verkehr zuverlässig sicherstellen? All diese Dinge haben enorme potenzielle Auswirkungen auf die Geschäftswelt und die Mobilität des Einzelnen.“ (Mehr Informationen zu autonomen Fahrzeugen finden Sie in den Artikeln auf Seite 28, 60 und 62.) ◆

von Doug Chovan Zurück zum Seitenbeginn
von Doug Chovan

Scannen Sie diesen Code, um sich anzuschauen, wie Naturschutz­Drohnen die Nester von Orang­Utans überwachen: https://www.youtube.com/watch?v=yHLSuiEt5Lw