COMPASS MAGAZINE #10
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FREDERICO CURADO CEO von Embraer führt das Unternehmen mit Instinkt und Fingerspitzengefühl

Frederico Curado, Präsident und CEO von Embraer, dem größten Exporteur Brasiliens und drittgrößten Passagierflugzeugbauer der Welt, ist überzeugt, dass man sich großen Herausforderungen stellen muss – und zwar so früh wie möglich.

Kurz nachdem Frederico Curado 2007 zum Präsidenten und CEO von Embraer ernannt wurde, schlitterte die Welt in eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen der letzten Jahrzehnte.

Nur wenige Wirtschaftsexperten sahen die Krise kommen, aber Curado erinnert sich an ein mulmiges Gefühl, das ihm sagte, die glücklichen Tage der Wirtschaftswelt seien gezählt.

„Es war ein Bauchgefühl“, sagt er. Im Geschäftsflugverkehr brachen die Umsätze quasi über Nacht um die Hälfte ein.

Curado und sein Führungsteam bewerteten rasch die Auswirkungen auf Embraer, Brasiliens größten Exporteur von Fertigerzeugnissen, und teilten ihre Einschätzung allen Beteiligten mit. Dann reduzierten sie die Unternehmensgröße um 20%. Dieser Schritt sollte die Liquidität und ein gesundes Verhältnis zwischen Fremd und Eigenkapital erhalten und zugleich die Verpflichtungen gegenüber Kunden und Anteilseignern erfüllen.

„Das Unternehmen zu verkleinern war eine der schlimmsten Maßnahmen, die wir durchführen mussten“, sagt Curado. „Politiker und viele andere Leute kritisierten uns dafür. Sie fragten, warum wir das tun. Aber sechs Monate später lag die Antwort klar und deutlich vor ihnen.“

Dies war die Bestätigung für eine Lektion, die Curado ganz früh in seiner 30-jährigen Karriere bei Embraer gelernt hatte: „Wenn man auf ein Problem stößt, sollte man es lieber früher als später lösen“, sagt er. „Ich habe gelernt, indem ich mal richtig und mal falsch gehandelt habe, dass es viel besser ist, ganz am Anfang vor lauter Stress einen roten Kopf zu bekommen, als irgendwann vor Angst lila anzulaufen, weil sich das Problem exponentiell vergrößert hat.“

6 Milliarden US-Dollar

Embraer erwirtschaftete 2014 einen Umsatz von über 6 Milliarden US-Dollar.

Embraer ist dieser Feuerprobe mit einer guten Ausgangsposition für künftiges Wachstum entstiegen. Heute gilt das Unternehmen innerhalb der Luftfahrtbranche als eines der innovativsten und am besten geführten. Von seiner Firmenzentrale in Sao Jose do Campos aus, einer Stadt im Bundesstaat Sao Paulo, bietet Embraer seine Dienste vielen gewerblichen und militärischen Kunden weltweit an. Das Unternehmen erwirtschaftete 2014 einen Umsatz von über 6 Milliarden US-Dollar.

EIN MENSCH, DER MENSCHEN MAG

Curados Maßnahmen vor und nach der Finanzkrise sind ein Beweis für seine positiven Eigenschaften: vorausschauend, einfallsreich, mutig, offen, pragmatisch und zurückhaltend. Über seinen Entschluss, das Unternehmen abrupt zu verkleinern, sagt Curado: „Am Ende war es richtig, aber es war eine einsame Entscheidung. Solche Entscheidungen, so schwierig sie auch sind, kann nur ein CEO treffen. Und natürlich muss er oder sie dann mit den Konsequenzen leben, ob gut oder schlecht.“

Der Sohn eines Armeeoffiziers und einer Lehrerin wuchs in Rio de Janeiro auf und entwickelte großes Interesse an der Luftfahrt und eine Vorliebe für Tüftelei. Mathematik fiel ihm leicht. Er besuchte das der brasilianischen Luftwaffe angeschlossene Institut für Luft und Raumfahrttechnik – Brasiliens Pendant zum US-amerikanischen Massachusetts Institute of Technology –, wo er ein Studium zum Maschinenbau und Luftfahrtingenieur absolvierte. Ein Masterabschluss als International Executive von der Universität Sao Paulo folgte.

1984 wurde Curado bei Embraer eingestellt und zwei Jahre später leitete er eine der Blechbearbeitungswerkstätten. Da war er 24 Jahre alt. Im Laufe der nächsten 23 Jahre arbeitet er sich über Führungspositionen in Fertigung, Beschaffung, Vertragswesen, Vertrieb und Informationstechnologie nach oben.

Als er vor acht Jahren zum Präsidenten und CEO von Embraer ernannt wurde, stand das 1969 gegründete und 1994 privatisierte Unternehmen vor riesigen Herausforderungen. Aufstrebende Mitbewerber aus Asien, rasante technologische Veränderungen, kürzere Produktzyklen und angespannte Kreditmärkte setzten allen Herstellern zu. Hohe Ölpreise machten den Fluggesellschaften zu schaffen. Auch hatte sich Embraer nur langsam der Globalisierung geöffnet; seine Produktions und Vertriebszentren konzentrierten sich auf Brasilien.

Als die Finanzkrise vor der Tür stand, legte Curado den Grundstein zur Umgestaltung der Unternehmenskultur, indem er die Arbeitsgeschwindigkeiten erhöhte, die Produktivität steigerte, die Balance zwischen Kerngeschäft und globaler Ausrichtung verbesserte. Aber Curado gibt das Lob schnell an die Menschen weiter, die ihm bei der Umsetzung seiner Strategie geholfen haben. „Ich bin nur eine von ungefähr 350 Führungskräften, die diese Firma leiten“, sagt er.

Der Schwerpunkt der PrivatjetSparte von Embraer wird laut Curado gerade in die Vereinigten Staaten verlagert. Dies sei der wichtigste Wachstumsmotor für das Unternehmen, und diese Expansion werde von Gary Spulak, dem Präsidenten der Embraer Aircraft Holding, geleitet. Die Aktivitäten in Nordamerika seien deshalb so wichtig, sagt Curado, weil er glaube, dass Embraer sonst in seiner Unternehmenskultur und Mitarbeiterstruktur „zu brasilianisch“ bleiben würde.

Nach Curados Aussage möchte Embraer mit der Verlagerung von Produktionsstätten und Vertriebszentren ins Ausland ebenfalls versuchen, dort ansässige Mitarbeiter einzustellen. Dies sei wichtig, um als wirklich globales Unternehmen zu gelten.

KUNDENWÜNSCHE ERAHNEN

Eine von Embraers erwiesenen Stärken liegt darin, Nischen zu erkennen und Produkte zu entwickeln, die sich Kunden wünschen – meistens geschieht das durch die Befragung von Schwerpunktgruppen, die dem Unternehmen aus erster Hand berichten, wie es hervorragende Kundenerlebnisse schaffen könnte.

 „Embraer ist geschäftliche Risiken eingegangen, war aber äußerst umsichtig und gewissenhaft bei der Bewertung von Märkten und Chancen“, stellt Byron Callan, Direktor des in Washington, DC, ansässigen, strategischen Finanzberatungsunternehmens Capital Alpha Partners, fest. „Curado geht mit der Disziplin eines Ingenieurs vor, wenn er alle Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten abwägt. Ich glaube, ihm war stets bewusst, dass Embraer leicht von Airbus und Boeing zermalmt werden könnte, schon allein aufgrund der Größe. Deswegen hat sich das Unternehmen seinen Platz sehr sorgfältig gewählt.“

Ein gutes Beispiel dafür ist das sechs Passagiere fassende, leichte Flugzeug Phenom 300, das 2009 an den Start ging. Nur vier Jahre später lieferte Embraer mehr Maschinen dieses Typs und dieser Größe aus als alle seine Mitbewerber. Die Kunden fanden Gefallen an der hohen Leistung, dem Handling und vielen Funktionen, die sonst nur in großen Firmenjets zu finden sind, wie die von außen zu wartende Bordtoilette. Auch andere Nischenmärkte hat Embraer erfolgreich für sich erschlossen, darunter die für militärische Transport und Ausbildungsflugzeuge sowie für Regionalverkehrsflugzeuge, wo sich Embraer zum weltweit größten Produzenten von Passagierflugzeugen mit 70 bis 120 Sitzplätzen entwickelt hat.

EIN BLEIBENDES ERLEBNIS

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist der After-Sales-Service und Support von Embraer. Als Beispiel sei die Erfahrung des Leiters eines multinationalen Lebensmittelherstellers mit Sitz in den USA genannt, der kürzlich in einem Langstreckenjet Embraer Legacy 650 eine dreiwöchige Geschäftsreise durch die ganze Welt unternahm.

Der Zeitplan dieses Geschäftsführers war extrem eng gesteckt und ließ kaum Zeit für die Lösung technischer Probleme. Während er den Pazifik überflog, sendete der Chefpilot André Fodor eine E-Mail an das Embraer Kontaktzentrum, weil der Tisch für die Essenszubereitung in der Bordküche sich nicht wie gewünscht aufklappen ließ und ein Kühlschrank nicht ausreichend kühlte.

„WENN MAN AUF EIN PROBLEM STÖSST, SOLLTE MAN ES LIEBER FRÜHER ALS SPÄTER LÖSEN.“

FREDERICO CURADO CEO, EMBRAER

„Wir wollten einfach nur das Kontaktzentrum darüber informieren, damit diese Dinge nach unserer Rückkehr in die Basisstation in Orlando, Florida, repariert werden konnten“, sagt Fodor, der darüber hinaus Unternehmen und Privatpersonen beim Kauf von Business Jets berät. „Doch wir waren sehr überrascht, dass Embraer bereits alles für die Reparatur dieser Kleinigkeiten während unseres Zwischenstopps in Singapur in die Wege geleitet hatte. Wieder einmal hat Embraer seinen weltweiten Service unter Beweis gestellt.“

SERVICE IM FOKUS

Solches Lob ist Musik in Curados Ohren, dem nach eigener Aussage nichts in seinem Beruf mehr Freude bereitet, als Kunden zu besuchen und mit den Mitarbeitern im Werk zu sprechen. „Ich bin eher der Typ für Fluggesellschaften als ein OEM(Originalgerätehersteller) Executive“, sagt er. „Ich höre mir gerne an, wie sich unsere Produkte im Einsatz bewähren.“

Ebenso gerne ist er in Gesellschaft anderer Menschen. „Ich liebe das Personalwesen“, sagt er, weil er den Menschen gerne dabei helfe, sich in ihrem Beruf weiterzuentwickeln. „Wenn ich nicht CEO wäre und mir eine andere Funktion aussuchen könnte, wäre ich gerne einer unserer leitenden Personaler. Vielleicht mache ich das ja, wenn ich in Rente gehe.“

von Tony Velocci Zurück zum Seitenbeginn
von Tony Velocci

Hören Sie über Frederico Curados Erfolgsrezepte
https://www.youtube.com/watch?v=lJBPRu0Oxq0