COMPASS MAGAZINE #10
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GESCHÄFTSREISEN NACH STECHUHR Um mehr Einnahmen zu generieren, besteuern Staaten nun auch Reisende

Als würde man beim Reisen selbst nicht schon genug Steuern zahlen, können Geschäftsreisende nun auch besteuert werden, wenn sie mehr als eine festgesetzte Zeit in bestimmten Ländern und Gebieten mit eigener Steuerhoheit verbringen. Es ist eine buchhalterische Herausforderung, diese teils sehr unterschiedlichen Steuergesetze einzuhalten, aber einige neue Handy-Apps versprechen Abhilfe.

Geschäftsreisen sind nicht zuletzt durch weltweit nutzbare Smartphones und allgegenwärtige WLAN-Verfügbarkeit viel einfacher geworden. Aber auch das Finanzamt macht sich die neueste Technologie zunutze, um Zahlungen von Geschäftsreisenden einzufordern, auch wenn diese sich nur einen Tag innerhalb des eigenen Zuständigkeitsbereichs aufhalten.

„Der Fokus verschiebt sich“, sagt Marc Burrows, Leiter für Global Mobility Practice bei der Wirtschaftsprüfungs und Steuerberatungsgesellschaft KPMG. „Die Behörden konzentrieren sich nun vermehrt auf ausländische Geschäftsreisende und die Steuer und Sozialversicherungspflicht, der sie unterliegen könnten, wenn sie sich in ihrem Land aufhalten.“

Geschäftsreisende nach New York müssen jetzt beispielsweise schon eine Steuererklärung abgeben, wenn sie sich nur 14 Tage pro Jahr dort aufhalten. In Großbritannien werden Geschäftsreisende mittlerweile routinemäßig gefragt, ob sie Immobilien im Vereinigten Königreich besitzen oder ihre Kinder dort zur Schule gehen, was sie beides steuerpflichtig machen würde.

Die meisten Firmen vertrauen zum Schutz ihrer Führungskräfte auf bestehende Steuerabkommen, die eine Doppelbesteuerung ausschließen. Aber einige Staaten der USA, einschließlich Kalifornien, erkennen Abkommen der US-amerikanischen Regierung nicht an und pochen auf ihr Recht, Geschäftsreisende besteuern zu dürfen.
„Bei manchen Orten, an die es Geschäftsreisende heutzutage verschlägt und die in Nicht-Abkommensländern liegen, ist die Gefahr groß, dass man bei einem Aufenthalt von nur einem Tag bereits steuerpflichtig wird“, sagt Burrows.

ZUNEHMENDE VOLLSTRECKUNG

Anupam Singhal, Mitgründer von Monaeo, das Technologien anbietet, die Bewegungsprofile von Führungskräften zu Steuerzwecken aufzeichnet, sagt, dass Indien, China und neuerdings auch Kanada Einkommensteuerzahlungen von Geschäftsreisenden aggressiv einforderten. Auch Firmen könnten zur Zahlung von Körperschaftssteuer aufgefordert werden, wenn sie in einem Land den Status einer „dauerhaften Niederlassung“ besitzen. Darum haben bereits viele Firmen Tochtergesellschaften in Irland gegründet, wo die geringsten Steuersätze innerhalb der EU gelten.

„IN NICHT-ABKOMMENSLÄNDERN BESTEHT DIE GEFAHR, DASS MAN BEI EINEM AUFENTHALT VON NUR EINEM TAG BEREITS STEUERPFLICHTIG WIRD.“

MARC BURROWS VORSTAND GROSSBRITANNIEN, GLOBAL MOBILITY PRACTICE, KPMG

„Viele Gesetze haben sich nicht verändert; aber ihre Einhaltung schon“, sagt Jay Sternberg, Leiter Global Human Capital for Technology Markets, Sales & Branding beim Beratungsunternehmen Ernst & Young. „Wahrscheinlich ist es die Kombination, dass dies einerseits ein guter Weg für die Staaten ist, Einnahmen zu generieren, weil sie wissen, dass Unternehmen mit dem Gesetz in Konflikt geraten könnten, und andererseits achten die Firmen verstärkt darauf, Gesetze einzuhalten.“

Es wird immer schwieriger, unter dem Radar zu bleiben. Über 100 Länder sind bereits dem Globalen Forum zu Transparenz und Informationsaustausch für Besteuerungszwecke beigetreten, das auf den automatischen Austausch von Einwanderungs, Hotel und Flugbuchungsunterlagen hinarbeitet. Besser informierten Strafverfolgungsorganen wird es leichter fallen, rechtswidrig handelnde Firmen und Einzelpersonen zu schnappen. Auf Unternehmen, die keine Steuern und Sozialversicherungsabgaben auf das Gehalt reisender Führungskräfte einbehalten und sofort nach Ende der Dienstreise eine Steuererklärung abgeben, könnten drastische Geldstrafen zukommen.

EINE APP HILFT

Die zunehmende Überwachung hat App Entwicklern ein neues Geschäftsfeld eröffnet. Monaeo wurde beispielsweise von Singhal und seinem Partner Nishant Mittal gegründet, nachdem beide mit den Finanzämtern in Indien und im US-amerikanischen Bundesstaat Massachusetts Ärger bekommen hatten. Mit Risikokapital transformieren sie ihre Smartphone-App, die anhand von Handydaten und GPS die Reisen eines Angestellten aufzeichnet, von einem Werkzeug für die Reichen in eine Lösung für Unternehmen, die Schwierigkeiten haben, die Dienstreisen ihrer Mitarbeiter zu Steuerzwecken zu dokumentieren.

KPMG und das globale Beratungsunternehmen PwC (ehemals Pricewaterhouse Coopers) haben ähnliche mobile Lösungen. So auch Ernst & Young. „Ein rotes oder orangenes Signal zeigt den Mitarbeitern, dass sie eine bestimmte Anzahl von Tagen in einem Land verbracht haben und nur noch wenige Tage bleiben, um die Reise zu beenden (und die Besteuerung zu vermeiden)“, sagt Sternberg.

Doch laut Singhal reicht eine Handy-App nicht aus, um einen Steuerfall nachzuweisen. Die Führungskräfte müssten die Aufzeichnungen der App durch Hotelrechnungen oder andere Dokumente belegen. Aber bereits dreimal sei Monaeo in Steuerverfahren in New York als Beweismittel verwendet worden, sagt Singhal. Jedes Mal konnte der Geschäftsreisende eine zusätzliche Besteuerung vermeiden.

Die Ortungsfunktion der mobilen Apps wirft allerdings auch Fragen des Datenschutzes auf. Die meisten Apps zeigen deshalb nur die Stadt an und keine genaue Adresse, und der Arbeitnehmer muss einwilligen, bevor die Ortung aktiviert wird. Die neuesten Systeme ermöglichen es den Mitarbeitern und Reisekostenstellen, im Vorfeld Reisepläne hochzuladen, und senden automatisch Warnhinweise, wenn ein Visum benötigt oder eine Steuererklärung erforderlich sein könnte.

„Die Grundidee ist, dass Sie sich nicht mehr darum kümmern müssen, welche Bundesstaaten oder Länder offensiv vorgehen“, sagt Sternberg. „Das erledigt die Technologie für Sie.“

von Charles Wallace Zurück zum Seitenbeginn
von Charles Wallace

Erfahren Sie mehr, wie Sie die Komplexität der Besteuerung von Reisen bändigen können
http://video.foxbusiness.com/v/1686140749001/keep-better-track-of-your-tax-liabilities-with-new-app