COMPASS MAGAZINE #10
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HOLPRIGER START FÜR VIRTUELLE WÄHRUNGEN Trotz einiger Skandale erfreuen sich regierungsunabhängige Währungen einer wachsenden Fangemeinde

Kann eine Währung, die von einem Computerfreak erschaffen wurde, einen echten Wert besitzen? Weltweit werden 75 „Kryptowährungen“ gegen Waren und Dienstleistungen eingetauscht – einige davon illegal. Compass untersucht den bisherigen Entwicklungsprozess virtueller Währungen.

Das Konzept einer virtuellen Währung – Geld, das am Computer erschaffen wird und nicht in einer staatlichen Münz­ anstalt – klingt auf den ersten Blick vielversprechend. Diese sogenannten Kryptowährungen können praktisch kostenfrei um die ganze Welt bewegt werden, während herkömmliche Banken teils enorme Gebühren verlangen. Da virtuelle Währungen auch keiner staatlichen Überwachung unterliegen, müssen sie keine Devisen­ kontrollen befürchten und sind unanfällig gegen Hyperinflation oder plötzliche Entwertung.
Jedoch sieht die Realität weniger rosig aus, denn Negativschlagzeilen, die vom Drogenhandel bis zu Händlerpleiten reichen, bedrohen das dauerhafte Überleben dieser Währungen.

Weltweit werden über 75 E­Währungen mit einem geschätzten Wert von 11 Milliarden US­Dollar gehandelt. Die größte von ihnen, die rund 10 Milliarden US­Dollar wert ist und rund 90% des Marktes beherrscht, wurde unter dem Namen „Bitcoin“ berühmt, andere heißen beispielsweise Litecoin, Dogecoin und XRP.

Der Wert virtueller Währungen bemisst sich daran, welche Waren, Dienstleistungen oder staatlichen Währungen die Nutzer bereit sind, dagegen einzutauschen. Derselbe „Wille zu glauben“ bestimmt seit 1971 den Wert herkömmlicher Währungen, als die Regierungen ihr Versprechen, Münzen und Banknoten gegen die staatseigenen Goldreserven einzutauschen, zurücknahmen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die virtuellen Währungen ist zwar noch nicht so stark wie in staatliche Währungen, Kreditkarten und elektronische Bankgeschäfte, aber die Akzeptanz wächst, weil schon genug Menschen daran glauben.

460 Millionen US-Dollar

Die japanische Bitcoin- Tauschbörse Mt. Gox meldete Konkurs an, nachdem sie einräumen musste, dass 460 Millionen US-Dollar von Hackern gestohlen wurden.

KURZER RÜCKBLICK

Die Geschichte der virtuellen Währungen begann vor 18 Jahren, als „E­Gold“ auf den Markt kam. Ein Programmierer mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto (die hinter der Währung stehende Person bzw. Organisation hat ihre wahre Identität bis heute nicht preisgegeben) entwickelte 2008 Bitcoin.

Ein Bitcoin war ursprünglich 0,25 US­Dollar wert. Der Wert stieg rasant bis auf 1.176 US­Dollar an, bevor er Anfang 2014 wieder auf 625 US­Dollar zurückfiel. Steven Englander, Global Head für die G10­Währungsstrategie bei der Citibank, merkt an, dass Bitcoin während der Finanzkrise 2008 aufkam, als traditionelle Währungen ins Trudeln gerieten. „Es ist vielleicht nicht perfekt, aber in einem Land mit Hyperinflation wie Argentinien oder Venezuela ist Bitcoin das beste System aller Zeiten. Doch solche Umstände sind selten“, sagt Englander.

Für Unternehmen liegt der größte Vorteil darin, dass virtuelle Währungen sehr preisgünstig oder sogar kostenfrei transferiert werden können. Man muss bei virtuellen Währungen keine Gebühr von 3% bis 5% zahlen, wie sie MasterCard oder VISA für Einzel­ handelstransaktionen berechnet. Außerdem gibt es praktisch keine Gebühren für betrügerischen Missbrauch.

Javier Marti, der eine Bitcoin­ Anlageberatung in London betreibt, ist der Meinung, dass auch Geschäfts­ kunden von solchen Überweisungs­ systemen profitieren. Einer seiner Kunden habe kürzlich 1 Million US­Dollar von Großbritannien nach Südafrika überwiesen und dafür nur 0,25 US­Dollar gezahlt, statt einer Gebühr von 200 US­Dollar, die seine Bank erheben würde.

HACKER UND SCHMUGGLER

Mit Bitcoin sollte die Notwendigkeit einer zentralen Clearingstelle, die alle Transaktionen überwacht, vermieden werden. Stattdessen werden seit dem Ausgabetag in einem elektronischen Hauptbuch alle Transaktionen vermerkt. Wenn Computerexperten, auch als „Miner“ bekannt, neue Transaktionen überprüfen und aktualisieren, ent­ stehen neue Bitcoins, die sie als Lohn für ihre Bemühungen um die Transparenz der Währung erhalten.

„WIR GLAUBEN, DASS BITCOINS ZU EINEM WICHTIGEN ZAHLUNGSMITTEL FÜR DEN INTERNETHANDEL WERDEN KÖNNEN.”

DAVID WOO LEITER DES FORSCHUNGSBEREICHS KURSE UND WÄHRUNGEN, BANK OF AMERICA MERRILL LYNCH

Jene Menschen, die nicht über die Computerfähigkeiten eines „Miners“ verfügen, können Bitcoins online in Tauschbörsen von China über Japan bis nach Slowenien kaufen. Nach und nach gibt es auch Geldautomaten, die Bitcoins ausgeben. Die Bitcoin­ Gutschriften werden in eine virtuelle „Geldbörse“ transferiert, die zur späteren Verwendung heruntergeladen werden kann. Aber Williams schätzt, dass nur 47 Menschen, im Prinzip die ersten „Miner“, rund 29% aller Bitcoins besitzen; weitere 800 Menschen besitzen kolossale 50%. Dadurch besteht das Risiko, dass Bitcoins gehortet werden, um das Angebot klein und die Preise hoch zu halten.

Für die Bestimmung des Wertes einer solchen Währung gibt es mehrere Lösungsansätze. Bitpay rechnet beispielsweise seine Transaktionen zu einem festen Kurs in normale Währungen um und schirmt die Händler damit vor Währungsrisiken ab. Das Ripple Transfer Network bietet einen ähnlichen Service für seine E­Währung XRP.

Ein anderes Problem stellen Hacker dar. Zwar sind die Bitcoins selbst wegen der Einträge im Hauptbuch so gut wie unangreifbar, jedoch wurden schon einige Online­Tauschbörsen für Bitcoins gehackt. Im Februar 2014 hat die größte Bitcoin­Tauschbörse Mt. Gox in Japan Konkurs angemeldet, nachdem sie einräumen musste, dass Bitcoins im Wert von 460 Millionen US­Dollar von Hackern gestohlen wurden. Der darauf folgende Vertrauensverlust ließ den Wert der Bitcoins in den Keller rutschen.

DAS KRIMINELLE ELEMENT

Weil Bitcoins anonym gehandelt und verkauft werden können, sind sie auch für Kriminelle attraktiv.

Erst vor Kurzem haben zwei Aufsehen erregende Festnahmen die dunklere Seite von Bitcoin enthüllt. Charles Shrem, ein 24­jähriger Unternehmer aus dem Aufsichtsrat der gemeinnützigen Ausbildungsstiftung Bitcoin Foundation, wurde im Januar 2014 von den US­Behörden wegen Geldwäsche angeklagt. Im Oktober 2013 hatte man erst den 29­jährigen Ross Ulbricht wegen Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz und Geldwäsche verhaftet und ihn beschuldigt, der Kopf hinter dem Online­Drogenbasar Silk Road zu sein.

China kündigte in der Folge an, hart gegen Bitcoin­Transaktionen vorzugehen, was den Preis weiter fallen ließ. Andere Länder, wie Russland und Vietnam, haben den Handel mit Bitcoins komplett verboten.

DIE ZUKUNFT DER KRYPTOWÄHRUNGEN

Marti weist darauf hin, dass Kursschwankungen für neue Währungen typisch seien, da die Märkte erst ihren wahren Wert ermitteln müssten. Trotz der jüngsten Schwierigkeiten von Bitcoin erklärt Marti, dass sein Unternehmen, das Immobilien und hochpreisige Kunstwerke gegen Bitcoins verkauft, „extrem expandiert“. Auch die Zahl der Onlinehändler, die Bitcoins akzeptieren, steigt stetig, und an der University of Cumbria im Nordwesten Englands kann man sogar die Studien­ gebühren mit Bitcoins zahlen.

Die US­-Regierung hat sich bezüglich virtueller Währungen noch nicht festgelegt. Die neue Präsidentin der US Federal Reserve, Janet Yellen, hat dem US­Kongress vielmehr mitgeteilt, dass Cyber­Währungen nicht in ihren Aufgabenbereich fielen. Wenn andere staatliche Stellen diesem Beispiel folgen, sollte man die Kryptowährungen lieber noch nicht abschreiben. ◆

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von Charles Wallace
  • Charles Wallace war früher Auslands korrespondent und schreibt von seinem Wohnort New York aus über Weltfinanzen..
  • Scannen Sie den Code ein, um Jeff Garzik bei TEDx zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=vaPgfErzeu0