COMPASS MAGAZINE #10
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MATERIAL COMPLIANCE Auch wenn Fristen drohen: die Einhaltung von Vorschriften zu Produktmaterialien kann Jahre dauern

Überall auf der Welt treten gerade neue Vorschriften zur Material-Compliance in Kraft. Sie erfordern von den Herstellern aktive Maßnahmen, um ihre Umsätze zu bewahren, Strafzahlungen zu vermeiden und die Produktqualität zu erhalten.

Einige von ihnen haben es jedoch geschafft, aus der lästigen Mühe zur Erfüllung von Vorschriften einen Wettbewerbsvorteil zu machen. Als Agilent Technologies (USA) klar wurde, dass es aus seinen elektronischen Mess- und Prüfprodukten das Schwermetall Blei entfernen müsse, um die neuen Umweltschutzbestimmungen der Europäischen Union zu erfüllen, nahm dies mehr als fünf Jahre in Anspruch. Die Überarbeitung von 2100 Produkten dauerte 24 Monate; die Tests der neuen Produktdesigns auf Leistung und Haltbarkeit nahmen weitere 18 Monate in Anspruch.

„Wenn wir dieses Problem nicht so früh angegangen wären, hätten unsere Produkte auf dem europäischen Markt verboten werden können“, ist sich Frank Elsesser, Director of Environmental Compliance, Product Regulations and Safety bei Agilent, sicher. „Ein Drittel unseres Jahresumsatzes stand auf dem Spiel, ca. eine Milliarde US-Dollar. Und die Vorschriften werden weiter ausgeweitet.“ Fast jeder Hersteller auf der Welt sieht sich ähnlichen Herausforderungen gegenüber wie Elsesser, aber nur wenige gehen sie so aktiv an wie Agilent.

„Unsere Produkte halten für Jahrzehnte, daher wurde uns klar, dass wir uns einen starken Wettbewerbsvorteil erarbeiten könnten, wenn wir die Vorschriften möglichst früh erfüllen“, so Elsesser. „Und so war es auch.“

EIN KOMPLEXES LABYRINTH

Nach dem Vorbild der EU werden von Staaten auf der ganzen Welt Vorschriften eingeführt, die die Verwendung gefährlicher Stoffe in Produkten und Fertigungsprozessen einschränken. Betroffen sind davon fast alle Branchen. Zwar respektieren viele Hersteller die Intention der Gesetzgeber, sie finden sich dabei aber in einem Labyrinth aus sich stetig verändernden und oft widersprüchlichen Regelungen wieder, die die Fertigung, den Vertrieb, die Nutzung sowie die Entsorgung ihrer Produkte betreffen.

Aufgrund der Komplexität des Themas könne die Einhaltung von Umweltschutz- bestimmungen nicht als einmaliges Projekt abgehandelt werden, sagt Meglena Mihova, Partnerin bei der europäischen PR-Beratung EPPA (früher bekannt als European Public Policy Advisers). Angesichts der zunehmenden Flut an neuen Regeln – für die EU besonders die Richtlinie zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe (RoHS), die Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien (REACH) und die Richtlinie über Elektro- und Elektro-Altgeräte (WEEE) – rät Mihova den Herstellern dazu, möglichst früh aktiv zu werden.

VORSPRUNG HERAUSHOLEN

Die Unternehmen sollten sich nicht zurückzulehnen und auf die nächste Vorschrift warten, so Mihova, sondern sich schon frühzeitig damit befassen, während die Richtlinien noch erarbeitet und erweitert werden.

„Die an der Erstellung von Umweltschutzbestimmungen wie RoHS oder REACH beteiligten politischen Entscheidungsträger verstehen oft nicht, wie komplex die Lieferketten heutzutage sind“, sagt Mihova.

„Damit die Unternehmen die Bestimmungen auch erfüllen können, müssen sie über mehrere Kontinente hinweg Maßnahmen ergreifen und oft sehr komplexe Produkte von Grund auf neu entwickeln“, warnt sie. „Manchmal dauert es Jahre, passende Ersatzmaterialien zu finden und auf die erforderliche Qualität und Zuverlässigkeit in einem Produkt zu testen, das vielleicht für 20 oder 30 Jahre im Einsatz sein wird.“

60 Monate

Zur Erfüllung der RoHS- Vorschriften benötigte Agilent 60 Monate, davon 24 Monate für die Überarbeitung von 2100 Produkten und 18 Monate für das Testen der neuen Designs.

Als Beispiel für vorausschauendes und aktives Engagement verweist Mihova auf das US-Unternehmen Agilent. Als die RoHS-Vorschriften zuerst in Kraft traten, war Agilent zwar nicht direkt betroffen, aber der Mess- und Prüftechnik-Riese untersuchte dennoch seine Lieferkette und begann, seine Produkte zwecks Erfüllung der Vorschriften zu überarbeiten. Zudem beteiligten sich seine Fertigungsfachleute aktiv am Gesetzgebungsverfahren.

„Agilent war in Anhörungen involviert und half dabei, die Herausforderungen für die Branche zu erklären und die Gründe zu erläutern, warum mehr Zeit zur Erfüllung der Vorschriften nötig war“, so Mihova. „Das Unternehmen setzte sich sogar für Änderungen der Richtlinie ein. Dieser ehrliche und vorausschauende Ansatz wurde sehr positiv aufgenommen.“

1 MILLIARDE US-DOLLAR AUF DEM SPIEL

Um die RoHS-Richtlinie zu erfüllen, musste Agilent einen Ersatzstoff für das in Leiterplatinen verwendete Bleilot finden und auch bei seinen Lieferanten sicherstellen, dass diese die Produktion ebenfalls umstellten. „Aus einem Lot das Blei herauszunehmen ist eine wesentliche Umstellung der Technologie“, sagt Elsesser. „Unseren Kunden ist es sehr wichtig, dass wir dabei methodisch vorgehen und gründlich testen. Wir wollten eine Lösung parat haben, lange bevor die regulatorischen Fristen greifen würden.“

Das Schwermetall Blei ist aber nur einer der vielen von den Vorschriften betroffenen Stoffe, die Agilent in den Griff bekommen musste. Für jede Substanz mussten die Entwickler und Ingenieure von Agilent feststellen, welche Zulieferprodukte sie verwendeten und ob die Summe der gewählten Produkte zur Überschreitung der Grenzwerte in den jeweiligen Ländern führte. Zugleich musste Agilent seine Lieferungen umstellen, um sicherzugehen, dass in jedes von Vorschriften betroffene Land nur konforme Produkte geschickt werden.

„Uns war klar, dass wir den Zugang zum europäischen Markt verlieren würden, und damit einen erheblichen Teil unseres Umsatzes, wenn wir nicht nach ein paar Jahren in der Lage gewesen wären, RoHS-konforme Produkte zu fertigen“, erläutert Elsesser. „Die EU macht derzeit ca. 30% unseres Umsatzes aus, aber da die Umweltschutzbestimmungen weltweit weiter verschärft werden, könnte der betroffene Anteil auf 90 oder sogar 100% steigen.“

„MANCHMAL DAUERT ES JAHRE, PASSENDE ERSATZMATERIALIEN ZU FINDEN UND AUF DIE ERFORDERLICHE QUALITÄT UND ZUVERLÄSSIGKEIT IN EINEM PRODUKT ZU TESTEN.“

MEGLENA MIHOVA PARTNER, EPPA

Die Herausforderungen sind überwältigend, aber Agilent schafft es, sie als Chancen zu nutzen. „Wir wollten ganz vorn dabei sein, wenn es darum geht, Produkte zu entwickeln, die nachhaltig waren und sind“, so Elsesser. „Weil wir nachweisen können, dass unsere Produkte bestimmte Umweltschutzbestimmungen weltweit erfüllen, erhalten wir häufig neue Aufträge. Unsere Kunden fragen nicht nur nach der RoHS-Konformität; in vielen Fällen machen sie diese Konformität zur Anforderung, weil unsere Produkte in ihre eigenen Lösungen eingebaut werden.“

Die regulatorischen Anforderungen unterscheiden sich stark von Land zu Land, und fast jeden Tag kommen neue Vorschriften hinzu. Dadurch war es zu riskant, die Entwicklung manuell zu verfolgen. Aus diesem Grund hat Agilent ein modernes Material-Compliance-Modul implementiert,
um neue Vorschriften im Auge zu behalten und das Gesamtvolumen für jeden gefährlichen Stoff in jedem Produkt bei sich verändernder Zusammensetzung neu zu berechnen. Agilent entwickelt jedes Produkt nach der höchsten Anforderung jeder Vorschrift und gewährleistet so, dass jedes von ihm gefertigte Produkt alle Standards weltweit erfüllt oder übertrifft.

„Wir haben früh begriffen, dass ein solides Datenmanagement-System als Grundlage zielführend ist und uns dabei hilft, mit den sich schnell entwickelnden Bestimmungen Schritt zu halten.“

„DURCH DIE UMSETZUNG UNSERES COMPLIANCE-PROGRAMMS KÖNNEN WIR BESTEHENDE PRODUKTDESIGNS VERFEINERN, UNSERE PRODUKT- ENTWICKLUNGSPROZESSE VERBESSERN UND ZUGLEICH FÜR DIE EINHALTUNG DER UMWELTSCHUTZVORSCHRIFTEN SORGEN.“

GEORGE VALAITIS ROHS PROGRAMM MANAGER, AB SCIEX

Elsesser rät anderen Unternehmen, den strategischen Wert eines soliden Datenmanagement-Systems zum Umweltschutz im Hinblick auf Material- Compliance nicht zu unterschätzen. „Dies ist keine typische IT-Anwendung. Mit ihr kann man den Wert seiner Investitionen in die Erfüllung von Umweltschutzvorschriften erkennen. Wir können das System zu unserem strategischen Vorteil nutzen.“

HERAUSFORDERUNG ALS CHANCE

Ein weiteres Unternehmen, das die regulatorische Last von Material-Compliance als Marktchance begreift, ist AB Sciex, ein US-amerikanischer Hersteller von Massenspektrometern und anderen wissenschaftlichen Geräten. Die meisten Produkte von AB Sciex werden erst 2016 unter die regulatorischen Beschränkungen fallen. Aber laut George Valaitis, Manager des RoHS-Programms bei AB Sciex, wollte das Unternehmen ein Material-Compliance-Programm einrichten, um den Zugang zum Weltmarkt sicherzustellen.

„Bei Unternehmen, die zu lange warten, sehe ich das Problem, dass sie alle Leute aus der Forschung und Entwicklung oder aus dem Engineering abziehen müssen, damit diese sich dann sechs Monate nur mit der Umweltschutz-Compliance beschäftigen“, sagt Valaitis. „Während dieser Zeit werden keine neuen Produkte entwickelt, und die Geschäfte leiden.“ Die Herausforderung wird immer größer. Zwar zielte RoHS auf nur sechs verschiedene Stoffe ab, aber Valaitis betont, dass der Geltungsbereich von Verordnungen und Richtlinien wie REACH, der derzeit 138 Stoffe umfasst, pro Jahr um 20 bis 50 Substanzen erweitert wird.

„Die EU hat einen stetigen, schrittweise stattfindenden Prozess in Gang gesetzt“, so Valaitis. „Wir haben unser Programm umgesetzt, um die Erfüllung von Umweltschutzvorschriften wirklich voranzutreiben und die Verwendung dieser Substanzen in unseren Stoffen schon heute einzuschränken. Dadurch sind wir vorbereitet, wenn die Gesetze dann in Kraft treten.“

Valaitis glaubt, dass AB Sciex durch die Analyse seiner Prozesse und die Entwicklung eines besseren Informationsaustauschs mit seinen Zulieferern seinen Entwicklungszyklus effizienter gestalten kann. „Durch die Umsetzung unseres Compliance-Programms können wir bestehende Produktdesigns verfeinern, unsere Produktentwicklungsprozesse verbessern und zugleich für die Einhaltung der Umweltschutzvorschriften sorgen“, sagt er.

Wenn AB Sciex seine Leiterplatinen neu entwickelt, erhält das Unternehmen laut Valaitis dafür häufig einen Kostenvorteil von 10% bis 20% weil Verbesserungen und Überarbeitungen des Designs zu einem robusteren Gesamtdesign führen. „Wenn sich das Ende der Fristen nähert, wird es immer mehr Nachfragen dazu geben, was in unseren Produkten steckt oder nicht steckt. Wir werden dann sehr gut in der Lage sein, unsere Kunden darüber aufzuklären.”

BETEILIGUNG ALS SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG

Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Weg durch das Labyrinth der Gesetze und Vorschriften besteht darin, sich früh und oft an deren Entstehung zu beteiligen, rät Mihova. „Man sollte nicht vor der öffentlichen politischen Debatte zurückschrecken, um Beschränkungen zu einer neuen Substanz anzusprechen, bevor sie in Kraft gesetzt werden“, sagt sie. „Erklären Sie, wo Sie auf den jeweiligen Stoff auf keinen Fall verzichten können, und arbeiten Sie dann zusammen mit den Behörden ein regulatorisches Szenario aus, das die negativen Auswirkungen auf Ihre Geschäfte minimiert.“

 

20%

AB Sciex erreicht Kostensenkungen von bis zu 20% durch Verbesserung seiner Designs und Einhaltung der Compliance-Regeln.

Insbesondere bei komplexen Produkten sei der Überblick und die Kontrolle über die Lieferkette von entscheidender Bedeutung, sagt sie. „Sie müssen wissen, wer was produziert, und welche Zulieferer konforme Komponenten liefern, damit Sie schnell und mit minimalem Risiko auf die immer härtere regulatorische Umgebung reagieren können. Sie müssen vorausschauend handeln, anstatt einfach stillzuhalten.“

von Lisa Roner Zurück zum Seitenbeginn
von Lisa Roner