COMPASS MAGAZINE #10
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VORTEIL FÜR DEN MITTELSTAND Wie Cloud-Computing kleinere Unternehmen global wettbewerbsfähiger macht

Seit Jahrzehnten sind die hohen Kosten für Computer-Hardware und -Software für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) ein Wettbewerbsnachteil, insbesondere bei Expansionen ins Ausland. Mit Cloud-Computing ist der Zugriff auf Hardware und Software auf Pay-as-you-go-Basis möglich – das gleicht die Wettbewerbsbedingungen an.

Arthur Léopold-Léger träumt von einem globalen Luftfahrtunternehmen in La Rochelle, einem Seehafen an der französischen Atlantik-küste nördlich von Bordeaux. Dass aus seinem Traum nun Wirklichkeit wird, spricht Bände über das neue Cloud-Computing, das die weltweit etablierte Ordnung der Unternehmen verschoben hat.

Das kleine Ingenieurteam bei Elixir Aircraft unter der Leitung von Léopold-Léger entwickelt ein Zweisitzer-Flugzeug, das die Vorteile modernster Technik nutzt, die beim America’s Cup zum Einsatz kam, sowie Kohlefaser-Verbund-materialien aus Japan verwendet.

„WIR SIND NICHT GEZWUNGEN, IN HARDWARE ODER DIE IT-VERWALTUNG ZU INVESTIEREN. FÜR EIN KLEINES UNTERNEHMEN, WIE WIR ES SIND, HANDELT ES SICH DABEI UM EINEN BETRÄCHTLICHEN PROZENTANTEIL DES BUDGETS.“

ARTHUR LÉOPOLD-LÉGER CEO, ELIXIR AIRCRAFT

Léopold-Léger ist überzeugt, dass das Flugzeug, das ab 2017 erhältlich sein soll, eleganter, sicherer und preiswerter sein wird als die anderen auf dem Markt. Elixirs erste Zielregion ist Europa, gefolgt von Südamerika, Südafrika, Australien und Neuseeland. In der letzten Expansionsphase erwartet Léopold-Léger den Verkauf des Flugzeugs in Asien und Nordamerika.

Aber wie kann das kleine Unternehmen Elixir solch aggressive globale Träume hegen? Die Antwort liegt beim Cloud-Computing, das dem Unternehmen je nach Bedarf Zugang zu Software und Rechnerleistungen gewährt, ohne dass vorab riesige Investitionen in Computer-Hardware und -Software getätigt werden müssen.

Bei der Entwicklung eines Flugzeugs werden natürlich erhebliche Rechnerleistungen für das Design und die Simulation gebraucht, und außerdem eine robuste Plattform. „Aber wir sind nicht gezwungen, in Hardware oder die IT-Verwaltung zu investieren“, sagt Léopold-Léger. „Damit sparen wir uns einen Mitarbeiter, der vielleicht 50.000 EUR im Jahr verdient. Für ein kleines Unternehmen, wie wir es sind, handelt es sich dabei um einen beträchtlichen Prozentanteil des Budgets.“

Die Designer haben auch die Flexibilität, Software-Programme nur so lang zu nutzen wie notwendig und dann je nach edarf auf andere Programme umzusteigen. „Wenn wir eine Aufgabe zu bewältigen haben, wissen wir, dass wir die Software haben“, so Léopold-Léger. „Wenn wir sie wirklich mal nicht haben sollten, reicht ein Telefonanruf. Wir können ein Programm einige wenige Monate lang nutzen und dann abstellen. Unser Job ist schließlich das Design des Flugzeugs, und nicht die Entwicklung von Software.“

PAY-AS-YOU-GO RECHNERLEISTUNGEN

Elixir bricht ein lang etabliertes Paradigma, dass sich kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) mit Blick auf die globale Expansion gegenüber der größeren Konkurrenz im Nachteil befinden. Kleinere Unternehmen sind am Heimatstandort beweglicher und flinker, aber nur wenige können sich die vollständige IT-Infrastruktur leisten, die für einen internationalen Vertrieb und die Organisation notwendig ist.

Heutzutage – nach Jahren übertriebener Publicity – ist Cloud-Computing tatsächlich dabei, die Wettbewerbslandschaft für KMUs in der ganzen Welt zu verändern. Diese KMUs müssen nicht mehr in teure IT-Infrastruktur investieren, um Inventar, Supply Chain, Kundenbetreuung, Personalverwaltung und andere Funktionen zu unterstützen, die ein modernes internationales Unternehmen kennzeichnen.

Sie haben nun Zugriff auf Tools für die grenzübergreifende Zusammenarbeit wie sie bisher nur für große Unternehmen erschwinglich waren.

So können KMUs die benötigten Dienste bei Bedarf einfach mieten, z.B. von riesigen Akteuren wie Amazon Web Services und von kleineren, stärker spezialisierten Anbietern für Cloud-Computing wie Outscale, mit Sitz in Saint-Cloud, Frankreich. Dazu kommt, dass die meisten Cloud-Systeme – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, an vielen geographischen Standorten – bei der Währungsumrechnung und der sprachlichen Übersetzung helfen.

SOFORTIGE SKALIERBARKEIT

Die schnelle Expansion der IT-Infrastruktur eines Unternehmens und die passgenaue Wahl der gewünschten Funktionen erlauben den CEOs von kleineren Unternehmen, globale Risiken einzugehen, die sie vor fünf Jahren noch nicht einmal in Betracht gezogen hätten. Flexibilität in der „Skalierung“ – d.h. die Fähigkeit Ressourcen schnell und preisgünstig hinzufügen oder entfernen zu können – ist für kleinere Unternehmen besonders wichtig, da sie einen Anstieg der Aufträge nicht immer vorhersehen können. Dank Cloud-Computing ist ein Scale-up in kürzester Zeit und nicht erst in Monaten möglich, da es nicht notwendig ist, Bestellungen aufzugeben, Geräte in Empfang zu nehmen und die richtigen Leute einzustellen.

„Wir beobachten, dass die Übernahme dieser Entwicklung von unten nach oben erfolgt – d.h. kleinere Unternehmen übernehmen Cloud-Computing schneller als einige der größeren Unternehmen“, so Christopher Holmes, Geschäftsführer von IDC Insights Asia Pacific mit Sitz in Singapur und internationaler Vorsitzender von IDC Manufacturing Insights, Tochter der globalen Beratungsfirma IDC. „Es ist erschwinglich, und oft haben diese Firmen kein internes IT-Team. Sie verlassen sich auf einen Cloud-Anbieter.“

Dagegen hätten große Unternehmen umfangreiche, kostspielige Altsysteme im Laufe der Jahrzehnte implementiert, die es schwierig machen, die Funktionen zu einem Cloud-Anbieter zu migrieren, so Holmes.

ASIEN HOLT AUF

Die USA und Westeuropa stehen an der Spitze, wenn es darum geht, kleinere Unternehmen mit Cloud-Computing in der globalen Expansion zu unterstützen, aber Asien scheine aufzuholen, so Craig Downing, Senior Produktmarketing Director und verantwortlich für die globale Cloud-Strategie bei Epicor Software, San Diego, USA. Epicor gilt als Second-Tier-Cloud-Anbieter, da das Unternehmen direkt mit Endkunden und nicht mit Vertriebspartnern arbeitet.

Downing erklärt, dass die Verzögerung in Asien auf den Widerstand gegen den Aufbau einer technischen Infrastruktur durch Technologieunternehmen aus dem Westen zurückzuführen sei, da einige Regierungen in Asien – wegen Sorgen über eine Datenübertragung über Landesgrenzen hinweg – dem Cloud-Computing in ihrem Hoheitsgebiet ablehnend gegenüber ständen. „Nun beobachten wir aber, dass Cloud-Computing auch in Asien an Fahrt gewinnt“, fügt Downing hinzu.

Cloud-Computing hilft kleineren asiatischen Firmen aus zwei wichtigen Gründen weiter. Erstens sind viele asiatische Firmen Zulieferer von großen westlichen Unternehmen, die auf geschäftliche Beziehungen via Cloud bestehen. „Die Unternehmen in Asien arbeiten als Teil der Lieferkette von größeren Kunden, die an Cloud-Systeme glauben“, sagt Downing. „Wenn Sie Zulieferer von Raytheon oder Boeing oder Bosch sind, dann werden Sie in die Lieferkette integriert, und Sie interagieren unmittelbar mit den cloud-basierten ERP-Systemen Ihres Kunden.”

Außerdem richten asiatische Tochtergesellschaften von westlichen Unternehmen lokal begrenztes Cloud-Computing ein, das mit den globalen cloud-basierten Systemen des Mutterkonzerns verknüpft werden kann. „Die Aktivitäten [der Tochtergesellschaften] in Thailand oder Vietnam erreichen vielleicht nicht unbedingt die gleiche Komplexität wie beim Mutterkonzern, die eine Umstellung auf große, kostspielige Systeme von großen Cloud-Anbietern rechtfertigen würde”, so Downing. „Stattdessen sehen wir die Einführung von Second-Tier-Lösungen.“

MEHR EFFIZIENZ IM WETTBEWERB

Cloud-Computing hat die Funktionsweise von einigen kleineren asiatischen Unternehmen zutiefst verändert, insbesondere dort, wo die Gewinnspannen extrem niedrig liegen. Ein Beispiel ist die in Australien und Singapur tätige Unternehmensgruppe Ghim Li, die unter dem Schirm von GLG Corporation Limited Textilien und Kleidung an große Einzelhändler in den USA – einschließlich Macy’s, Sears, Walmart und Target – liefert.

Bisher investierte Ghim Li viel Zeit und Geld in die Versendung von Stoffproben von und zu den Fabriken in Südostasien und zu westlichen Kunden. Außerdem verbrachten Qualitätskontrolleure viel Zeit auf Geschäftsreisen von Fabrik zu Fabrik.

Im Januar 2013 richtete Ghim Li eine Hybrid-Telefon- und Audio-Video-Konferenzplattform ein, die sowohl vor Ort als auch in der Cloud angesiedelt ist. Diese soll die Kommunikation zwischen Mitarbeitern an weit entfernten Standorten verbessern und es ermöglichen, Stoffdesign via Videoschaltung abzusprechen. „Wir waren auf der Suche nach einer Lösung, die uns einen Wettbewerbsvorteil verschafft“, sagt der CIO Timothy Ngui. Das System ermögliche Ghim Li Einsparungen von mehreren Zehntausend Dollar im Jahr, so Ngui.

Holmes von IDC bestätigt, dass kleinere chinesische Unternehmen die Cloud einsetzen, um einen globalen Fußabdruck zu entwickeln und unabhängig vom Standort die besten Ressourcen ausnutzen zu können. „Ein chinesischer Schuhfabrikant kann die Design-Funktionen in Italien ansiedeln, aber die Fertigung in Südchina durchführen“, gibt er als Beispiel. „Auf diese Weise kann das Unternehmen von den Cloud-Funktionen profitieren und alles in Echtzeit diskutieren.“

DIE SICHERHEITSDEBATTE

Wie jeder andere technologische Trend löst auch Cloud-Computing unter CEOs Diskussionen aus. Einige CEOs glauben, dass sensible Daten oder Informationen in lokalen Systemen nicht in der Cloud gespeichert werden sollten, um diese vor Hackern zu schützen. Andere CEOs argumentieren dagegen, dass ihre Geheimnisse in den Händen von großen Cloud-Anbietern am besten geschützt sind, da diese die eigene Software ständig aktualisieren und über die notwendige technische Ausrüstung zur digitalen Verteidigung verfügen.

Andere geben wiederum zu bedenken, dass sich – über einen Zeitraum von fünf oder zehn Jahren – der Aufbau eines eigenen Systems letztendlich als kostengünstiger herausstellen könnte. Die meisten CEOs von KMUs stehen jedoch vor drängenden Herausforderungen; wenn sie geschäftliche Gelegenheiten nicht schnell genug beim Schopf ergreifen können, werden sie von kleineren, agileren Rivalen oder großen Mitbewerbern aus dem Weg geräumt.

„Die Cloud ist kein Wundermittel, kommt einem solchen aber ziemlich nah“, so Stéphane Maarek, Vizepräsident für Nordamerika beim Cloud-Anbieter Outscale. „Da CEOs nicht viel Energie, Ressourcen und Kapital zum Aufbau von Teams und zur Einrichtung von IT-Infrastruktur aufbringen müssen, können sie sich auf das Kerngeschäft konzentrieren. Sie können das Geld, das ursprünglich für die Infrastruktur vorgesehen war, in das Erreichen der wichtigsten Geschäftsziele investieren.“

Das Fazit: Cloud-Computing hilft den Führungskräften von KMUs, globale Strategien zu verfolgen, die in der Vergangenheit undenkbar waren. ◆

von William J. Holstein Zurück zum Seitenbeginn